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Yinka Shonibare CBE: “Immanuel Kant” (2008), aus dem Zyklus “The Age of Enlightenment”

Künstler

Yinka Shonibare CBE (*1962 London) gehört zu den „Young British Artists" (YBAs), einer Künstlergruppe der 1990er Jahre, deren Bezeichnung insbesondere auf die Ausstellungsreihe „Young British Artists in the Saatchi Gallery" zurückging. Ausdrucksmittel Shonibares sind insbesondere Fotografie, Installation, Malerei und Film. Er studierte in London „Fine Arts" an der Byam School of Art (heute: Central Saint Martins College) und am Londoner Goldsmiths College. Shonibare wurde vielfach ausgezeichnet, 2005 akzeptierte er nicht nur die Aufnahme in den „The Most Excellent Order of the British Empire", die andere schwarze Künstler aus Protest ablehnten, sondern fügte sogar den Zusatz MBE seinem Namen hinzu. 2019 erfolgte die Auszeichnung zum „Commander of the Order of the British Empire" (seither Namenszusatz CBE); seine Arbeiten stehen in Galerien weltweit.

Das Werk des britisch-nigerianischen Künstlers ist in besonderer Weise autobiographisch beeinflusst: Shonibare wuchs in sozial gesichertem Umfeld seit seinem dritten Lebensjahr in Lagos (Nigeria) auf, wo er bis zur Rückkehr nach London in den 1980er Jahren lebte. Die persönlichen kulturellen Erfahrungen in Afrika und Europa schlagen sich insbesondere in den Dimensionen von Kolonisation und ihren Folgen in seinen Werken nieder. Der Künstler ist infolge einer Erkrankung teilweise gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

Werk

„Immanuel Kant", 2008, lebensgroße Fiberglasfigur, Kleidung in „Dutch wax" (farbenprächtig bedruckter Baumwollstoff), verschiedene Materialien, Abmessungen: 75 x 105 x 80 cm.

Die an einem Schreibtisch sitzende und schreibende Kant-Figur ist im Stil eines Gelehrten des 18. Jahrhundert gekleidet (Jacke, Weste, Kniehosen, lange Strümpfe), nur dass die Farben der Kleidung auffällig sind.

Die Figur gehört zu einer mit dem Titel „The Age of Enlightenment" („Das Zeitalter der Aufklärung") versehenen Gruppe, die aus fünf 2008 geschaffenen Figuren von Schlüsselpersönlichkeiten der Aufklärung besteht: dem Philosophen und Begründer der klassischen Nationalökonomie Adam Smith (†1790), dem Mitbegründer der Chemie Antoine Lavoisier (†1794), der Physikerin und Philosophin Gabrielle Émilie Le Tonnelier (†1749), dem Mathematiker und Philosophen Jean-Baptist le Rond d'Alembert (†1783) und Immanuel Kant (†1824). 2016 wurde noch eine Voltaire-Figur (†1778) hinzugefügt. Alle Figuren sind kopflos und dadurch anonymisiert und entindividualisiert, sie sind gleichwohl in geradezu dynamischer gelehrt-geschäftiger Aktivität (lesend, schreibend, dozierend, vor dem Bücherschrank usw.) dargestellt. Überwiegend sind sie mit körperlichen Gebrechen oder Behinderungen versehen, ihre Hautfarbe ist braun, ihre Kleidung weist eine afrikanisch anmutende Musterung auf.

Interpretationshinweise: Der Enlightenment-Zyklus ist u. a. im Zusammenhang mit einer vergleichbaren, bereits 2003 geschaffenen Figuren-Installation Shonibares unter dem Titel „Scramble for Africa" („Wettlauf um Afrika") zu betrachten. Darin sind – auf ähnliche Weise und ebenfalls kopflos – die Repräsentanten der damaligen Kolonialmächte dargestellt, wie sie auf der sog. „Kongo-Konferenz" in Berlin in den Jahren 1884/85 ihre Macht- und Ausbeutungsinteressen in Afrika abstimmten, die systematische Ausraubung des Kontinents planten und damit, so die Botschaft, die Verantwortung für dessen heutigen Zustand tragen. Shonibare erläuterte „Scramble for Africa" wie folgt:

„Damals fassten 14 europäische Staaten gemeinsam einen Beschluss, Afrika untereinander aufzuteilen, ohne sich um das, was die Afrikaner selbst wollten, zu kümmern, oder sie hinzuzuziehen. Und aus diesem Grunde habe ich diese Menschen als kopflose, als hirnlose Menschen dargestellt. Ich habe auch eine Art witzige Anspielung auf die Französische Revolution eingebaut, wo ja auch die Aristokraten damals mit der Guillotine geköpft worden sind". (Gespräch mit H. Hettinger, 2010).

Die Installation „Scramble for Africa" wurde 2010 in Berlin auf der Empore der von dem preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel erbauten Friedrichswerderschen Kirche gezeigt – hier tagten die Kopflosen sicher nicht zufällig über den Büsten von Kant, Winckelmann, Goethe und den Gebrüdern Humboldt (Grill, 2010).

Man wird sicher nicht fehlgehen, die Ausführungen Shonibares über „Scramble for Africa" auf den Enlightenment-Zyklus zu übertragen. Nur sind es hier nicht die Unterhändler der politischen Mächte, sondern die überaus aktiven Aufklärer, die als geistige Repräsentanten und Wegbereiter des Kolonalismus und als kopflose Widergänger auftreten. Shonibare will damit in Erinnerung rufen, dass die Aufklärer, die im 18. Jahrhundert die Vernunft gelehrt haben, im 19. Jahrhundert herangezogen wurden, um die koloniale Eroberung und Beherrschung Afrikas zu legitimieren und um die ‚zivilisatorische Mission' der Kolonialmächte argumentativ zu rechtfertigen. Die Kuratorin Cheryl Sim (DHC/Art Foundation) betonte im Text zur Ausstellung „Pièces de résistance" (Montreal 2015): „Gerade Kant war der Philosoph, dessen Schriften über Vernunft, Analyse und Individualismus dazu beitrugen, das Zeitalter der Aufklärung zu schaffen, eine Periode, die mit dem Aufstieg der Bourgeoisie zusammenfiel. Seine Ideen wurden verwendet, um die kolonialen Eroberungen des 19. Jahrhunderts als Missionen zu zivilisieren und rückwärts gerichtete Völker zu erleuchten" (John Pohl, 2015). Vereinfacht ausgedrückt: Die Installation „Scramble for Africa" kritisiert die materielle, die Figurengrupe „Age of Enlightenment" die intellektuell legitimierende Ebene des Unrechts, das Europa an und in Afrika begangen hat.

Durch die verwendeten Stoffe und Kostümmuster thematisierte Shonibare das Verhältnis Europa - Afrika in höchst komplexer Weise: Die Kostüme sind meist im viktorianischen Stil aus sog. Waxprint geschneidert, bunt gemusterten Baumwollstoffen, die man mit reiseprospekthaften Romantisierungen vom „authentischen Afrika" zu verbinden gelernt hat. Diese Waxprint-Stoffe werden bei Shonibare zur Grundlage verweisreicher mehrfach codierter Arrangements. Die Stoffe sind politisch stark aufgeladen, denn Waxprints sind gerade nicht „authentisch afrikanisch", sondern stammen ursprünglich aus Indonesien und gelangten erst im 19. Jahrhundert über koloniale Handelsrouten aus England und Holland nach Westafrika. Die Annahme, man kleide sich in Afrika traditionell in diese Stoffe, ist also das Produkt des westlichen Kolonialismus ebenso wie die Stoffe selbst. Wenn Shonibare historische und (post-)koloniale Aufklärungsfiguren ohne Rücksicht auf chronologische Plausibilität in diese Stoffe kleidet, kehrt er die Geschichte gewissermaßen um (Kedves) und verweist auf die imperiale ausbeuterische Tradition des britischen Empires bzw. des Kolonialismus und auf die geistig-moralische Involvierung der Aufklärung hin.

Warum die merkwürdigen Behinderungen? Hierzu äußert sich Shonibare wie folgt:

"Indem ich Adam Smith und Jean le Rond d'Alembert Behinderungen gebe ... wollte ich diese auch als Mittel nutzen, um zu zeigen, wie diese Figuren, die mitverantwortlich für die Definition von „Andersartigkeit" im Kontext der Aufklärung waren, ebenfalls durch ihre Behinderung selbst zu den Andersartigen gehörten".
(Zitat: https://africa.si.edu/exhibits/shonibare/smith.html).

Hier stehen also die Wahrnehmung und die Reflexion dessen im Fokus, was als „normal" oder akzeptabel scheint und was nicht. Da der Künstler selbst eine körperliche Behinderung hat, dürfte auch hier eine autobiographische Dimension hinzutreten.

Shonibare versteht seine Werke nicht als Protestkunst der Unterdrückten gegen die Aubeuter. Der Zyklus „Age of Enlightenment" betrifft vielmehr das Zusammenwirken von Geschichte, Politik, Tradition, Philosophie und Kunst. Shonibare bringt die Entstehung des heute in Europa verbreiteten Afrikabildes und die gegenwärtige Wahrnehmung dieses Kontinents in den Augen der Europäer ins Bewusstsein und will dadurch zur Dekolonialisierung der europäischen Wahrnehmung Afrikas beitragen.

Literatur

  • Homepage: http://yinkashonibare.com/home/
  • Milwaukee Art Museum:
  • http://collection.mam.org/details.php?id=30367
  • Galerie Friedman;
  • https://www.stephenfriedman.com/artists/yinka-shonibare-cbe/
  • Frank, Priscilla: Yinka Shonibare MBE remixes the enlightenment in stunning 'Magic Ladders' exhibition:
  • http://www.huffingtonpost.com/2014/01/14/yinka-shonibare_n_4562427.html
  • Grill, Bartholomäus: Afrikanische Kunst – Auswärtsspiel. In: Die Zeit 18, 2010:
  • https://www.zeit.de/2010/18/KS-Afrikanische-Kunst
  • Holger Hettinger (Gespräch mit Yinka Shonibare), Deutschlandfunk Kultur, 04.06.2010:
  • https://www.deutschlandfunkkultur.de/hilfe-erzeugt-abhaengigkeit.954.de.html?dram:article_id=145340
  • Jan Kedves: Yinka Shonibare MBE: Blain|Southern, Berlin & Herbert-Gerisch-Stiftung, Neumünster, Review 2014:
  • https://frieze.com/article/yinka-shonibare-mbe?language=de
  • John Pohl: Visual Arts - Shonibare challenges expectations in exquisite exhibition
  • Montreal Gazette 2015:
  • https://montrealgazette.com/entertainment/arts/visual-arts-shonibare-challenges-expectations-in-exquisite-exhibition

Copyright/ Aufbewahrungsort

Alle fünf abgebildeten Werke: © Yinka Shonibare CBE. All Rights Reserved, DACS/Artimage 2019. Image courtesy James Cohan Callery

Publiziert im April 2019

 

Zitierweise

Matthias Weber: Immanuel Kant in Werken der modernen Kunst – Yinka Shonibare; 

https://www.bkge.de/Projekte/Kant/matthias-weber/Shonibare_Yinka_CBE.php

 

 

Bildergalerie

Adam Smith (2008)

Gabrielle-Émilie-Le-Tonnelier-de-Breteuil, Marquise de Châtelet (2008)

Jean le Rond d'Alembert (2008)

Voltaire (2016)

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