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Ree Morton: "Immanuel Kant" (1973)

Künstlerin

Ree Morton (Ossining – New  York, 1936 - 1977) war eine US-amerikanische Installationskünstlerin, Plastikerin und Zeichnerin. Sie wird der feministischen, postminimalistischen Kunstbewegung der 1970er Jahre zugerechnet. Ihr Werk ist individualistisch, oft mehrdeutig und unkonkret.

Werk

„Immanuel Kant“, 1973, Aquarell mit Bleistiftzeichnung auf Papier; 38,1 x 56,5 cm.

Der Text (linke Bildhälfte) lautet:

To the question, “Is this where the fugitives are hiding?” the nun, posted before her convent, persistently replied “No” shaking her head from right to left after each deep peck of the winged creature. (R. Roussel, S. 20)

Übersetzung: Auf die Frage: „Sind hier die Flüchtlinge versteckt?“, antwortete die Nonne, die vor ihrem Kloster stand, beharrlich: „Nein“, und neigte nach jedem Schnabelhieb des Federviehs, das aussah, als picke es etwas auf, den Kopf nach rechts und nach links. (nach Roussell/Freund, S. 24)

Interpretationshinweise: Die Immanuel-Kant-Zeichnung ist aufgrund Maltechnik, Symbolik, inhaltlicher Bezugnahmen und Entstehungszeit in Verbindung mit zwei Installationen Ree Mortons von 1973 zu sehen mit den Titeln: „Sister Perpetua’s Lie“ und „Is this where the fugitives are hiding“. Die Zeichnung ebenso wie die Installationen beziehen sich auf die englische Übersetzung des Buches „Impressions d’Afrique“ (1910) des französischen Schriftstellers Raymond Roussel, das für die Avantgarde der 1920er Jahre von großer Bedeutung war: Roussels hier realisierter experimenteller Schreibstil beruht auf spielerischem Umgang mit Sprache als Material jenseits von Bedeutung. Wortspiele und spontane Assoziationen generieren Geschichten, die in Afrika ein Gebiet grotesk-fantastisch-zügelloser Imagination entstehen lassen; es werden surreal-burleske Situationen, wundersame Maschinen und skurrile Protagonisten in teils absurd detaillierter Weise beschrieben. Im Zentrum der Zeichnung „Immanuel Kant“ ebenso wie der aus 12 (ähnlichen) Zeichnungen bestehenden Installation „Sister Perpetua’s Lie“ steht die oben wiedergegebene Passage aus Roussels Roman.

Kant kommt in „Impressions d’Afrique“ gleich zu Beginn vor, bei der Beschreibung einer Szenerie, die mit Morton’s Zeichnung “Immanuel Kant” korrespondiert. Die Szenerie besteht u.a. aus einer fahrenden Konstruktion (Roussell/Freund, S. 11f.) und aus der „Büste eines  Denkers“, deren Sockel mit „Immanuel Kant“ beschriftet ist – dieser Namenszug ist der einzige optisch freigestellte Text im ganzen Buch, ohne dass diese Hervorhebung erklärt wird. Sodann wird eine Skulpturengruppe beschrieben, welche das Verhör der Nonne Perpetua durch einen „Reiter mit grausamer Miene“ zeigt. Auf der Basis der Skulpturengruppe steht die Inschrift: „Die Lüge der Nonne Perpetua“ mit der Frage: „Verbergen sich hier die Flüchtlinge?“ Einige Seiten später wird die erwähnte Büste Kants näher beschrieben; sie ist im Inneren mit Scheinwerfern und Reflektoren versehen, „die die Flammen des Genies darstellten“ (S. 23), dann folgt das in der Zeichnung verwendete Zitat (Roussell/Freund, S. 24), das später erläutert wird: Es gehe auf „eine alte bretonische Legende“ zurück, „die auf rührende Weise die heroische, berühmte Lüge der Nonne Perpetua berichtet, die sich nicht fürchtete, ihr Leben zu riskieren, als sie es ablehnte, zwei in ihrem Kloster versteckte Flüchtlinge [ … ] auszuliefern“ (Roussell/Freund, S. 262). Auch der von Roussel erwähnte „dünne senkrechte Schlauch“, der „einen unsichtbaren Mechanismus in Bewegung setzt“, scheint in Morton Zeichnung “Immanuel Kant” vorzukommen. Die Bedeutung der Anordnung der Motive (ebenso wie der 12 Zeichnungen in “Sister Perpetua’s Lie”) bleibt letztlich ebenso unklar wie die Funktion Immanuel Kants in Roussels Werk.

Diana Baldon, die sich mit der von Ree Morton verwendeten Symbolsprache intensiv auseinandergesetzt hat, weist erklärend darauf hin, dass die Künstlerin „neun Monate lang über die Textkombinationen und die ausgefeilten, auf abenteuerlichen Wortspielmechanismen beruhenden Handlungsstränge“ in „Impressions d’Afrique“ nachgedacht habe, bevor sie eine eigene künstlerische Praxis etablierte, „die Objekte hervorbrachte, die sowohl abstrakte Reflexionen als auch allzu einfachen Realismus zu vermeiden wussten“ (Baldon, S. 42).

Die Zeichnung „Immanuel Kant“ ist somit eine Visualisierung einer surrealen Szenerie in Roussels Buch, deren metaphorischer und inhaltlicher Gehalt unscharf bleibt und sich einer eindeutigen Interpretation entzieht. Die Zeichnung ist ein Solitär. Sie wurde bislang in der Literatur nicht beschrieben oder abgebildet.

Literatur und Quellen

  • Ree Morton – Werke 1971-1977. Publikation zur Ausstellung. Hg. von Sabine Folie für die Generali Foundation Wien 2009, 208 Seiten, Verlag der Modernen Kunst Nürnberg (hier S. 74-84 und 183 über das Werk „Sister Perpetua’s Lie“).
  • Diana Baldon: Der Tempel des Artifiziellen und des Naturalistischen. In: Ree Morton – Werke 1971-1977, S. 42-55.
  • Raymond Roussel: Impressions of Africa. A Novel. Translated by Lindy Foord and Rayner Heppenstall. Berkeley, Los Angeles, 1967.
  • Raymond Roussel: Eindrücke aus Afrika. Roman. Revidierte Übersetzung von Cajetan Freund. Luzern 2016.

Copyright

© Estate of Ree Morton, courtesy Alexander and Bonin, New York; Aufbewahrungsort: Museum of Modern Art (MoMA), New York, The Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection Gift (purchase, and gift, in part, of The Eileen and Michael Cohen Collection). Acc. no.: 2477.2005; Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence; die weitere Verbreitung dieser Abbildung ist ohne ausdrückliche Zustimmung der Rechteinhaber untersagt.

Publiziert im September 2018

Zitierweise

Matthias Weber: Immanuel Kant in Werken der modernen Kunst – Ree Morton; https://www.bkge.de/Projekte/Kant/matthias-weber/Morton_Ree.php.

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