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Jack Levine: „The Feast of Pure Reason“ (1937)

Künstler

Der Maler Jack Levine (1915-2010) war ein Vertreter der us-amerikanischen „Social Realist School" der 1930er Jahre. Nach seiner Ausbildung (Jewish Welfare Centre, Roxbury, Mass.; Museum of Fine Arts, Boston; 1929-1931 Harvard University) war er von 1935 bis 1940 zeitweise in der Arbeitsbeschaffungsbehörde „Works Progress Administration" (WPA), die auch Künstler unterstützte („Federal Art Project"), tätig. Damals richtete Levine in den Slums von Boston ein Studio ein, in welchem er Arme porträtierte und kritische Darstellungen u. a. von korrupten Personen, vor allem Politikern, schuf (z. B. Gemälde „Brain Trust", 1936; „The Feast of Pure Reason", 1937). Soziale Ungleichheit und insbesondere die Probleme der Korruption, des Militarismus und des Rassismus werden in zahlreichen seiner nicht selten satirischen Arbeiten aufgegriffen. Der amerikanische Filmmacher David Sutherland produzierte 1985 den mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm über Levine mit dem Titel „Jack Levine: Feast of Pure Reason" (http://davidsutherland.com/films/jack-levine-feast-of-pure-reason).

Werk

"The Feast of Pure Reason" („Das Fest der reinen Vernunft"),1937, Öl auf Leinwand, 107 x 122 cm.

Interpretationshinweise: Das während Levines Anstellung beim WPA 1937 entstandene Ölgemälde, typisch für dessen gesellschaftskritische Perspektive, zählt zu den bekanntesten Werken des Malers: Ein Polizist, eine der „Unterwelt" zuzuordnende Person, möglicherweise ein Politiker, und ein wohlhabender Gentleman im Anzug mit Zigarre und Spazierstock, offenbar ein Kapitalist, sitzen rauchend und trinkend in ebenso familiärer wie komfortabler Runde zusammen. Der Whisky sieht teuer aus, gleichwohl ist die Atmosphäre überschattet und verrucht. Die dargestellten Charaktere sind hässlich und abstossend: fett, weite und schlaffe Augen, Doppelkinn. Die Aussage ist klar: Hier konspirieren die Repräsentanten der Ausbeuter und machen vertrauliche Geschäfte auf Kosten der einfachen, notleidenden Menschen. Die Satire auf die politischen Verhältnisse in Boston prangert vor allem die damals vielfach präsente Korruption an.

Die Anspielung auf das erkenntnistheoretische Hauptwerk Kants, die „Kritik der reinen Vernunft" (erschienen Riga 1781) durch die Titelgebung des Bildes ist ironisch und sarkastisch gemeint; das Bild ist eine bittere Satire: Der Polizist, der Gesetzesbrecher und der Kapitalist feiern ein ironisches Fest ihres Wohlstands. Ein Fest, das auf zynische Weise der „reinen Vernunft" dieser Gruppe dient. Was hier gezeigt wird, ist das genaue Gegenteil der reinen Vernunft Kants, das Gegenteil des Kategorischen Imperativs, überhaupt allem entgegengesetzt, was Immanuel Kant repräsentiert. Insofern findet in diesem us-amerikanischen Werk der 1930er Jahre eine sozialkritische Kontrastierung von Kants Kategorischem Imperativ mit dem damaligen Alltagskontext statt.

Levine veranlasste 1970 einen limitierten Nachdruck des Gemäldes und erinnerte damit daran, dass der damalige Kampf der Jugend gegen gesellschaftliche Heuchelei und Borniertheit nicht erst in den 1960er Jahren, sondern schon viel früher begonnen hatte.

Copyright/Aufbewahrungsort

New York, Museum of Modern Art (MoMA). Extended loan from the United States WPA Art Program to The Museum of Modern Art, New York. DIGITAL IMAGE © The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence.

Literatur

  • Hilton Kramer: "The Hazards of Modern Painting", in: David Shapiro (ed.): Social Realism. Art as a Weapon. New York 1973, S. 271.
  • Dennis Raverty: The Paintings of Jack Levine and the Politics of Criticism. In: Prospects Vol. 29 (2005), S. 361-372.
  • http://www.dcmooregallery.com/artists/jack-levine

Zitierweise

Matthias Weber: Immanuel Kant in Werken der modernen Kunst – Jack Levine; https://www.bkge.de/Projekte/Kant/matthias-weber/Levine_Jack.php

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