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Leo Katunarić KADELE: „Immanuel Kant on Facebook“ (2007)

Künstler

Leo Katunarić KADELE (Split 1965), interdisziplinär arbeitender Künstler, Maler und Regisseur; Studium an der Akademie für Schauspielkunst (The Academy of Dramatic Art) Zagreb, lebt und arbeitet in Zagreb. Ausstellungen, Filme und weitere Arbeiten von Leo Katunarić KADELE werden weltweit gezeigt. Der Künstler befasst sich insbesondere mit den Beziehungen zwischen zeitgenössischer Kunst, digitaler Kultur und virtueller Realität. Er kombiniert Malerei mit Filmkunst, Texten und Performances, um die Ungewissheit und Instabilität der Vorstellungen von Realität zu dokumentieren und zu verdeutlichen.

Werk

„Immanuel Kant on Facebook", 2007, Acryl auf Leinwand, 400 x 220 cm
Interpretationshinweise: Gibt es im digitalen Zeitalter noch Philosophie? Existiert eine „digitale Philosophie"? Solche Fragen stehen im Fokus des aus mehreren Performances bestehenden Projekts „Immanuel Kant on Facebook". In einer Mitteilung vom November 2019 an den Autor berichtete Leo Katunarić KADELE ausführlich über das Projekt und dessen Hintergrund:
"Immanuel Kant on Facebook" ist ein Knotenpunkt in der digitalen Performance eines Projekts, das 2007 in einem physischen, also nicht-digitalen, Raum begann. Es war damals die Zeit, in der die globale Dominanz der digitalen Kultur und der digitalen sozialen Netzwerke sowie die Schaffung des Web 2.0-Paradigmas einsetzte.
Zu sehen ist die Reproduktion eines zweidimensionalen Bildes, das als Ergebnis des siebentägigen, rund um die Uhr stattfindenden Aufenthalts des Künstlers in der VN-Galerie (Galerija knjižnice „Vladimir Nazor") in Zagreb im Jahr 2007 entstanden ist („Seven days and nights living in the VN Gallery Zagreb", „Project Outcast – Kants Facebook", 23.–30.03.2007; Gesamtdauer des Programms 19.–31.03.2007).
Damals machte der Künstler die gesamte Galerie, sich selbst eingeschlossen, zu einer Art Kunst-Produktionsmaschine. Er verwandelte die Galerie in einen Lebensraum, der durch seine physische Materialität das Arbeitsprinzip von Computern und sozialen Netzwerken und die durch sie entstehende künstlerische und kulturelle Produktion imitierte. An einem zentralen Wandbild malte der Künstler jeden Tag „Immanuel Kants Facebook-Seite" weiter, um die Ergebnisse der täglichen Konflikte und Diskussionen mit dem anwesenden Publikum und mit den digitalen Communities wie in einem Tagebuch festzuhalten. Diese Konflikte wurden somit von der ‚Kunstmaschine', die aus Einzelteilen – einem lebendigen Künstler und aus unterschiedlichen anorganischen Teilen – bestand, und die von einer speziellen (imaginären) „Immanuel Kant-Software" gesteuert wurde, in rudimentäre visuelle und textuelle Aufzeichnungen übersetzt. Durch diesen Weg zu einer zeitgenössischen Ästhetik sollten die Spannungen zwischen menschlicher Materialität und maschinellem Algorithmus miteinander konfrontiert werden: „Ich habe dieses Stück als Reaktion auf die heftige Diskussion darüber gemalt, ob es im digitalen Zeitalter Philosophie gibt". (Leo Katunarić KADELE)
Während der sieben Tage und Nächte, die das Projekt dauerte, entwickelte sich der Künstler zu einem Koordinator maschineller Formen, um für das Publikum eine Form von akzeptabler Schönheit zu schaffen. Ferner gab es verschiedene weitere Immanuel-Kant-‚events'. So wurden etwa Textauszüge aus Immanuel Kants „Kritik der Urteilskraft" in kroatischer Übersetzung als Grundlage für Parodien verwendet: Zum Beispiel spielte ein Volksmusiker Texte von Kant auf einem im Balkan traditionellen Instrument („Ethnofassung") und ein anderer Künstler gestaltete ein Wandgraffito „IMMANUEL KANT - Kritik der Urteilskraft". Der Dirigent Tonči Bilić und der Künstler Leo Katunarić KADELE schufen gemeinsam eine fünfminütige Oper „Kritik der Urteilskraft", die von Gesangssolisten mit dem Chor des kroatischen Rundfunks (The Croation Radio TV Choir) aufgeführt wurde. Der Operntext wurde u. a. auch in einer HipHop-Fassung und in einer Rapversion produziert und aufgeführt.
Das Projekt erfuhr in digitaler Form, aber auch in der physischen Realität eine Fortsetzung. Zum Beispiel wurden die Vorhaben, die Leo Katunarić KADELE in den folgenden Jahren im Museum für zeitgenössische Kunst (Museo de Arte Moderno) von Bogota (2008) oder beim „Sarajevo Mess Festival" durchführte, unmittelbar von den Prinzipien inspiriert, die im Rahmen des Projekts „Immanuel Kant on Facebook" entwickelt wurden, auch wenn Immanuel Kant nun nicht mehr explizit erwähnt wurde.

Literatur

  • Website: http://leokadele.googlepages.com/
  • „Kant on Facebook": Sunčica Ostoić: Kant izbjeglički kamp (2007).
    http://www.kgz.hr/hr/dogadjanja/kadele-outcast-izopcenje-/18488
  • http://h-alter.org/vijesti/kadele-outcast-izopcenje-do-31-3
  • https://sites.google.com/site/leokadele/home2/theatre
  • https://www.culturenet.hr/print.aspx?id=13735
  • Tokyo arts and space. https://tokyoartsandspace.jp/en/creator/index/K/1399.html
  • https://leokadele.wixsite.com/leokadele

Copyright/ Aufbewahrungsort

© Leo Katunarić KADELE; die weitere Verbreitung dieser Abbildung ist ohne ausdrückliche Zustimmung des Rechteinhabers untersagt. Das Werk befindet sich in Privatbesitz.


Publiziert im Januar 2020


Zitierweise

Matthias Weber: Immanuel Kant in Werken der modernen Kunst – Leo Katunarić KADELE; https://www.bkge.de/Projekte/Kant/matthias-weber/Kadele_Leo.php

Bildergalerie

"Immanuel Kant on Facebook" (2007), Ausschnitt: linke Bildhälfte

"Immanuel Kant on Facebook" (2007), Ausschnitt: rechte Bildhälfte

Im Zuge der Performance entstandenes Graffitto „Immanuel Kant“ mit musikalischer „Ethno-Aufführung“, 26.03.2007

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