Kommission Kulturelle Kontexte des östlichen Europa in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft e. V. (KKKöE) -
zu Gast beim BKGE
Aktuelles

Srebrenica. Fotografie: David Kranzelbinder
Trauma im östlichen Europa – Begriff, Erfahrung, Gedächtnis in Ethnografie und historischer Anthropologie / Trauma in Eastern Europe – Concept, Experience, Memory in Ethnography and Historical Anthropology
12.–13. Juni 2026 ǀ Graz, Österreich
Veranstaltet von:
- Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Graz
- Arbeitsbereich Südosteuropäische Geschichte und Anthropologie am Institut für Geschichte der Universität Graz
- Kommission für Kulturelle Kontexte des östlichen Europas in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft
- Johann Gottfried Herder-Forschungsrat
Die Gesellschaften des östlichen Europas sind in Vergangenheit und Gegenwart vielfältig von politischer und gesellschaftlicher Gewalt gezeichnet, von Krieg und Genozid, Vertreibung und Verfolgung. Vor allem aus westlicher Perspektive werden diese Erfahrungen in jüngerer Zeit in Begriffen des kollektiven oder individuellen Traumas gefasst.
Hierzu versucht die Tagung in drei ineinandergreifenden Bereichen ethnografischen, historisch-anthropologischen und ethnopsychoanalytischen Forschens einen Perspektivenwechsel: Tagungsbeiträge reflektieren die Begrifflichkeiten des Traumatischen in historischen und gegenwärtigen Kontexten des östlichen Europas. Sie erweitern das methodische Repertoire der Ethnografie um das subjektorientierte Forschen mit und über Menschen mit Gewalterfahrungen in östlich-europäischen Milieus, und sie fragen nach den Orten, Prägungen und Praktiken traumatischer Kollektivgedächtnisse.
Der Call richtet sich an interdisziplinär Forschende in ethnografisch, historisch und ethnopsychoanalytisch arbeitenden Fachbereichen. Gebeten wird um Beiträge aus süd-/ mittel-/ost-europäischen Forschungs- und Erfahrungsfeldern sowie aus Flucht- und Diasporagebieten. Sie beschäftigen sich mit diesen und ähnlichen Fragen:
1. Begrifflichkeiten
Wie wurde Trauma im östlichen Europa im Laufe des 20. Jahrhunderts gedacht, beschrieben und verhandelt?
In diesem Themenfeld interessieren uns Beiträge, die die sprachlichen, medizinischen und gesellschaftlichen Deutungsmuster für gewaltvolle Erfahrungen in ihren historischen Kontexten untersuchen. Welche Begriffe standen und stehen zur Verfügung, um Krieg, Verfolgung, politische Repression oder strukturelle und physische Gewalt als Verletzung des Selbst zu benennen – und welche Erfahrungen blieben namenlos? Welche Konzepte von psychischer Erschütterung oder seelischem Leid wurden und werden in medizinischen, staatlichen, religiösen oder kulturellen Kontexten verwendet – und wie unterscheiden sie sich in unterschiedlichen politischen Regimen, etwa unter Monarchie, Faschismus, Sozialismus oder im postsowjetischen Raum?
Neben der Rezeption internationaler Klassifikationen – etwa des westlich geprägten PTSD-Begriffs – interessieren uns auch eigenständige oder wenig beachtete Konzeptionen von Trauma, wie sie sich etwa im polnischen „KZ-Syndrom“ oder in regionalen Diagnosepraktiken abzeichnen. Beiträge können danach fragen, wie solche Konzepte entstanden, mit welcher gesellschaftlichen Deutungsmacht sie ausgestattet waren – und welche ihrer Grenzen, Auslassungen oder Übersetzungsprobleme sich in der historischen wie ethnografischen Forschung zeigen.
Darüber hinaus geht es um die Frage, wie Begriffe des Traumatischen das Erzählen – und das Schweigen – über Gewalt geprägt haben. Wie wird über Zerstörung, Verlust und seelische Not gesprochen, wenn keine standardisierten Begriffe zur Verfügung stehen? In welchen Situationen wurde und wird Leid individualisiert, pathologisiert oder kollektiviert – in ethnografischen Gesprächen und Interviews, in Archivquellen, in alltäglichen Gesprächskontexten? Und welche Rolle spiel(t)en kulturelle Ausdrucksformen – Literatur, Theater, Film, Musik – bei der Formung alternativer Sprachen des Traumas?
Beiträge sind eingeladen, diese Dynamiken aus historischer, ethnografischer oder diskursanalytischer Perspektive zu beleuchten und damit auch zu fragen, wie Erinnerung, Begrifflichkeit und gesellschaftliche Deutungshoheit ineinandergreifen.
2. Forschungspraktiken
Wie beforschen wir traumatische Erfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart?
Hierzu stellen sich diese und ähnliche Fragen: Wie gehen Forschende mit emotionalen und assoziativen Übertragungen zu gewaltsamen und traumatischen Erlebnissen in Forschungsgesprächen, aber auch in historischen Materialien um? Wie lässt sich darüber schreiben? Wie lässt sich zwischen dem Traumaerleben von Forschungspartner:innen und emotionalen Belastungen der Forscher:innen differenzieren und Distanz herstellen?
Welche methodischen und forschungsethischen Erweiterungen sind nötig?
Wie wirken gesellschaftliche Diskurse und Voreingenommenheiten in die Forschung ein, wie lässt sich damit umgehen? Wie wird die Forschung über traumatische Erfahrungen durch unseren wissenschaftlichen und persönlichen Blick, unsere Erfahrungshintergründe und die Voreinstellungen gesellschaftlicher (westlicher) Diskurse beeinflusst? Welche Rolle spielen im östlichen Europa verwurzelte Zeitzeug:innen als Forschende zu Gewalt und Trauma?
Wie kann der empathische Blickwechsel methodisch-ethnografisch oder historisch-anthropologisch begründet werden? Welche methodischen Beiträge zum Verstehen von Traumaerleben in Zusammenhängen von gesellschaftlicher Macht und Gewalt leistet die Ethnopsychoanalyse?
3. Kollektivgedächtnisse
Welche Umgangsweisen von Erinnern und Vergessen zeigen sich in kollektiven Gedächtnissen?
Wie manifestiert sich das (Post)Genozidale in kollektiven Gedächtnissen? Welche Rolle spielen Alltagspraxen (Erzählungen, Witze, Lieder, Mythen, Filme, Anekdoten) bei der Archivierung, Konservierung, Verfestigung, Überschreibung, Relativierung, Verharmlosung sowie Leugnung von Traumata? Welche gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Dynamiken bringen sie hervor?
An welchen Orten und Räumen (Schauplätze von Verbrechen, Gedächtnisorte, Verhandlungs- und Vermittlungsorte, Orte der Diaspora, Social Media, Kunst) werden Erinnerungen ausverhandelt? Wie gehen Menschen und Bewegungen mit Umschreibungen und Unterdrückungen kollektiver Gewaltgedächntnisse um?
Wie werden Gewaltgedächtnisse aufgearbeitet? Welchen Herausforderungen begegnet die akademische und aktivistische Erinnerungsarbeit? An welchen theoretischen Konzepten kann sich die Erinnerungs- und Gewaltgedächtnisforschung des östlichen und südöstlichen Europa orientieren und welche Bedeutung können dabei Rassismusforschung (Antiziganismus, Antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus) und Dekoloniale Theorien haben?
Wir freuen uns auf Einreichungen in englischer Sprache. Abstracts sollten 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen nicht überschreiten. Sie enthalten eine knappe inhaltliche Zusammenfassung, Angaben zu Kontexten der Forschung, zu fachlichen, methodischen und theoretischen Zugangsweisen und den Bezügen des Beitrags zum Tagungsthema.
Geplant ist eine Publikation der Tagungsbeiträge, erwartet werden daher bislang unveröffentlichte Texte und die Bereitschaft, den eigenen Vortrag für die Publikation zu bearbeiten.
Die Einreichungen und etwaige Fragen richten Sie bitte an folgende E-Mail-Adresse:
projekt.kulturanthropologie@uni-graz.at
Einsendeschluss ist der 31. Januar 2026.
Für prekäre und nicht institutionelle Vortragende, insbesondere aus dem östlichen Europa, bemühen wir uns um anteilige Übernahme von Reisekosten und Übernachtungen.
Das Organisationsteam in Graz wird die Beiträge auswählen und das Programm zusammenstellen.
Wir freuen uns auf viele interessante Bewerbungen und eine spannende Tagung!
Für die Organisator:innen:
Katharina Eisch-Angus, Heike Karge, Kristina Trummer, Medina Velic
Call for Papers (en)
Deadline: 31st January 2026

Plakat für die Tagung PROTEST!
PROTEST!
Expression, Organization and Impact in a Central and Eastern European Perspective
June 22 to 24, 2026
Europejskie Centrum Solidarność, Gdańsk
Individuals and groups respond to perceived injustices and grievances with protest. The forms of expression are diverse and interact with the conditions defined by social and political opportunity structures. Protest is a central instrument of social negotiation processes related to participation and co-determination. It thrives on publicity and attention, yet it is – especially in authoritarian contexts – often accompanied by less visible practices of resistance that take place in everyday life or in subversive, hidden forms.
Protest manifests itself not only in rallies and marches but also in artistic forms of expression: in the visual arts, in literature, and in performance. Numerous narratives refer to the evaluation and appropriation of rebellious behaviour.
The conference aims to focus on various forms of protest and resistance, their structural conditions and consequences, as well as their (current and retrospective) legitimization vs. condemnation. While protest is a global phenomenon, we are focusing on contributions that explore its manifestations in Central and Eastern Europe across different historical periods (from the early modern era to the present). We will also accept papers addressing theoretical and methodological aspects of protest.
The event is interdisciplinary in nature, as is the topic itself, and encompasses the disciplines of history, political science, cultural anthropology, sociology, literary studies, musicology, or art history. Contributions may be historical or contemporary in nature.
Possible approaches and topics:
- Interpretations and evaluations (what can protest be?) – from peaceful participation movements and emancipatory self-empowerment to violent or radicalized forms of resistance
- Processes of negotiation and the role/effectiveness of protest initiators
- Political substructures as resistance to state structures
- Petitions and other forms of civic engagement
- Transnational protest and its cross-border diffusion
- Exclusionary and discriminatory protest movements
- Narratives and perspectives (e.g., emancipatory histories of the oppressed vs. narratives of uprising)
- Forms and formats of protest (material, symbolic, performative)
- Visual and acoustic dimensions (symbols, sounds, images)
- Emotions and affect in protest
- The role of violence and repression in protest dynamics
- Appropriations and re-appropriations of protest (political and cultural)
Abstracts should not exceed 300 words and should be submitted by January 10th to:
https://conf.isgv.de/conftool/
We will endeavor to cover the costs for accommodation and travel for a limited number of participants. Should you be interested in funding, please inform us in your application.
The organizing team is looking forward to receiving your abstract.
Paulina Gulińska-Jurgiel
Jörg Hackmann
Piotr Kocyba
Grzegorz Piotrowski
Ira Spieker
Johann Gottfried Herder-Forschungsrat (Johann Gottfried Herder-Research Council) // Europejskie Centrum Solidarność (European Solidarity Centre)
Kommissionstagung 2026
Trauma im östlichen Europa –
Begriff, Erfahrung, Gedächtnis in Ethnografie und historischer
Anthropologie / Trauma in Eastern Europe –
Concept, Experience, Memory in Ethnography and Historical Anthropology
12.–13. Juni 2026 ǀ Graz, Österreich
Call for Papers (dt), Deadline: 01.12.2025
Call for Papers (en), Deadline: 01.12.2025
Sonstiges
Sonderausstellung
„Bruder mein, schenk frisch ein, lass uns alle lustig sein!“ – Keramik und Ritual
3. Oktober 2025 bis 22. Februar 2026
Gundelsheim am Neckar: Siebenbürgisches Museum
Schloss Horneck 1
74831 Gundelsheim
Tel. 06269-90621
https://www.siebenbuergisches-museum.de
Öffnungszeiten: Di-So, Feiertag 11-17 Uhr
In Siebenbürgen gibt es eine lange Tradition der Keramikproduktion, die in einigen wenigen Orten bis heute lebendig ist.
Neben den Töpferwaren für den alltäglichen Gebrauch gab es dort auch solche, die nur zu bestimmten Anlässen genutzt wurden. Mit diesen besonderen Gefäßen sind Bräuche und Rituale innerhalb der Gemeinschaft, etwa der Zünfte, der Nachbar- und Bruderschaften, verknüpft, die in der Ausstellung anhand der Objekte vermittelt werden.
Oft sind diese Kannen und Krüge mit Trinksprüchen wie dem Ausstellungstitel versehen oder geben die Namen ihrer Stifter preis und vermitteln so ein Stück Sozialgeschichte der siebenbürgisch-sächsischen Ortschaften vom 18. bis ins 20. Jahrhundert.
Außer den Ritualen der Institutionen gab es auch viele, die mit dem Lebenslauf der Menschen eng verbunden waren, so beispielsweise Bräuche zu Hochzeit, Kindbett oder Taufe, für die es besondere Gefäße gab. Wer etwa weiß heute noch, was eine „Gevatterpfanne“ war und welche Funktion diese einst hatte?
Dies und vieles mehr kann in der Ausstellung anhand originaler, historischer Keramikobjekte aus der Sammlung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim entdeckt werden.