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Rumäniendeutsche Literatur – eine Erfolgs-, eine Endzeitgeschichte?

Befragt nach dem Bekanntheitsgrad und der Bedeutung der deutschen Literatur in Rumänien, antwortete der bukowinagebürtige Lyriker und Homme de lettres Alfred Kittner, der zu jenem Zeitpunkt in Bukarest lebte, in einem 1971 in der Ostberliner Zeitschrift Sinn und Form veröffentlichten Gespräch mit einem Satz: „Die rumäniendeutsche Literatur ist viel besser als ihr Ruf – denn sie hat gar keinen.“

Daran sollte sich im folgenden Dezennium nicht viel ändern. Zwar waren bereits in den 1970er Jahren einige Bücher ausgereister rumäniendeutscher Autoren erschienen – wie etwa Dieter Schlesaks politischer Essay Visa. Ost West Lektionen (1970) oder Hans Bergels Roman Der Tanz in Ketten (1977) –, in denen die Situation eines geknebelten Volkes und einer dem Assimilationsdruck ausgesetzten Minderheit seziert und beschrieben wurde, doch diese Texte führten in der Bundesrepublik Deutschland leider nicht zu einer Hinwendung zu den Entstehungsräumen einer kleinen, staatlich recht großzügig subventionierten und von Überwachungsinstanzen umzingelten Literatur. Es war die Zeit, in der ein vermeintlicher Abweichler im Ostblock, der rumänische Präsident Nicolae Ceauşescu, weltweit als hoffähig galt und die zentralistisch eingestellte Universitätsgermanistik sich nach ihrem völkisch-nationalen „Sündenfall“ während des „Dritten Reiches“ um deutsche Inselliteraturen keinen Deut scherte.

Erst zwanzig Jahre nach Alfred Kittners illusionslosem Befund und 16 Monate nach dem Sturz der nationalkommunistischen Diktatur in Rumänien intonierte Frank Schirrmacher in der FAZ vom 5. Mai 1991 eine kräftige Eloge auf eine hierzulande jahrzehntelang weggeschwiegene Literaturlandschaft:

„So gilt es noch immer als besonders hochherzig und großzügig, wenn man die rumäniendeutsche Literatur, ‚die fünfte deutschsprachige Literatur‘, lobt. Wahr aber ist, daß sie viel interessanter, entschiedener und wirkungsvoller war als etwa die Literatur der DDR. [...] Auf der abgeschlossenen Sprachinsel [entstand] [...] nicht nur eine wirkliche Gegenwartsliteratur, sondern auch eine Form der literarischen und kulturellen Kritik, die vieles von dem, was in der Bundesrepublik sich als Kritik versteht, in den Schatten stellt.“

Und 1994 betonte der Kölner Literaturwissenschaftler Walter Hinck in seiner Laudatio auf die Kleist-Preisträgerin Herta Müller:

„Die Zentren einer Literatur sind nicht immer die Orte ihrer Verjüngung. Oft vollzieht sich die Auffrischung von den Rändern her. [...] In der rumänischen, ehemals österreichischen Bukowina, in Czernowitz, wuchs (neben Alfred Margul-Sperber und Rose Ausländer) Paul Celan (Ancel) auf, dem die deutsche Nachkriegslyrik so entscheidende Innovationen verdankt. Und Siebenbürgen und das Banat sind zu einer achtbaren Provinz unserer Literaturgeschichte geworden durch Autoren wie Franz Hodjak und Rolf Bossert, Richard Wagner und Werner Söllner und – eben Herta Müller.“

Wie kam es zu diesem überraschenden Umschlag einer Wahrnehmungsverweigerung in Wahrnehmungseuphorie? Welches sind die Gründe für diese Erfolgsgeschichte, der erlebte Geschichten von erzwungenen Abschieden und schwierigen Ankünften vorausgegangen waren und die einsetzte, als die rumäniendeutsche Literatur unüberhörbare Signale der Schrumpfung, der Auflösung aussandte? Es war, ich kann das hier nur stark verkürzt ausbreiten, das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die in ihrer Gesamtheit dahin wirkten, dass sich das Erkenntnisinteresse in der Sphäre politisch-gesellschaftlicher und historisch-kultureller Reflexion allmählich wandelte und die Mauer der Ignoranz durchbrochen wurde: das geschärfte Bewusstsein für die Besonderheit regionaler Existenzweisen, deren Erkundung in den Werken vieler deutscher und österreichischer Autoren; die Bereitschaft der Germanistik, kulturwissenschaftliche Perspektiven zu berücksichtigen und ihre Tätigkeitsfelder zu erweitern; die menschenverachtende und bizarre rumänische Diktatur und der byzantinisch-stalinistische Führerkult als Schlagzeilen-Lieferanten; die Möglichkeit der ausgesiedelten Autoren, nunmehr befreit von Zensurzwängen, ihre Erfahrungen zu artikulieren; der gewaltsame Sturz des Regimes in Rumänien und ein Land im Rausch der Befreiung als Medienereignisse; der Auswanderungswille der rumäniendeutschen Minderheit und deren massenfluchtartiger Exodus nach dem Wegfall der Reisebeschränkungen; der Zusammenbruch des Kommunismus, das Ende des Ost-West-Konflikts, das Näherrücken eines jahrzehntelang eingekerkerten Teils des Kontinents und seiner verdrängten Historie.

Eingeleitet wurde die verspätete Rezeption mit der großen Resonanz von Herta Müllers Prosaband Niederungen (1984). Der Freitod Rolf Bosserts am 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main rief – nicht nur in Literatenkreisen – Erschütterung hervor; sein posthum erschienener Lyrikband Auf der Milchstraße wieder kein Licht (1986) machte das Ausmaß des Verlusts, den die gesamte deutsche Literatur erlitten hatte, deutlich und öffnete den Blick für die rumäniendeutsche Literatur und ihre Ausgangsorte, wobei sich das Interesse allerdings vorrangig nur auf einige als Gruppe wahrgenommene jüngere Autoren konzentrierte, Autoren, die sich herausgeschrieben hatten aus dem Korsett regionaler Traditionszwänge und der Sackgasse des sozialistischen Realismus – in eine eigenständige Ausprägung deutschsprachiger Moderne. Die Gedichtbände von Richard Wagner, Rostregen (1986), Werner Söllner, Kopfland. Passagen (1988), Klaus Hensel, Oktober Lichtspiel (1988), Franz Hodjak, Siebenbürgische Sprechübung (1990), bildeten weitere Stationen dieses Wahrnehmungswandels – einer Erfolgsgeschichte, die mit den Romanen Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992) und Herztier (1994) von Herta Müller ihren Höhepunkt erreichte.

Sicherlich spielte dabei auch der Überrumpelungseffekt eine Rolle: Zwar las man die Texte vornehmlich als Zeugnisse existenzieller Bedrohung und abgewürgten Lebens, doch sprengten sie das Erwartungsstereotyp des Epigonalen und Provinziellen – die Autoren hatten sich auf der fernen und zerbröckelnden Sprachinsel offensichtlich Schreibweisen von beachtlichem künstlerischem Niveau erarbeitet, die sich in ein Rezeptionsraster der Moderne einordnen ließen und dadurch vertraut wirkten, die aber andererseits eine Aura des faszinierend Unvertrauten, des Exotischen ausstrahlten. Und wohl auch angesichts der Schreckensnachrichten, die über die letzten Jahre des Ceauşescu-Regimes an die Öffentlichkeit drangen, versuchte der von wechselnden Konjunkturen und Zweckbündnissen dominierte Kulturbetrieb wiedergutzumachen, was er so lange versäumt hatte: Das Feuilleton der überregionalen Zeitungen erwies der rumäniendeutschen Literatur ausführlich Reverenz, und ihre Autoren wurden mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet.

Inzwischen ist der Exotenbonus verblasst, Schriftsteller, denen die Chance des Einstiegs großzügig geboten wurde, sind in literaturferne Brotberufe abgewandert, in die Anonymität zurückgefallen oder veröffentlichen ihre Bücher in kleinen Verlagen, doch haben immerhin mehr als ein halbes Dutzend Autoren sich eigenständige Positionen in der deutschsprachigen Literatur der Jahrtausendwende erschrieben. Die Attribuierung rumäniendeutsch, die neben anderen Identitätsabstempelungen wie „deutschstämmige Rumänen“, „deutsch-rumänische“ Autoren oder gar „deutsch schreibende Rumänen“ als Markenzeichen durch die Medien flimmerte, empfinden sie als restriktive Zuordnung, ihr Selbstbehauptungswille zielt auf ästhetische Bewertung ohne Rabatt.

Nach Jahrzehnten gedrosselter Kommunikation mit den Staaten des Ostblocks gehören Austausch und Kooperation zwischen Inlands- und Auslandsgermanistik nunmehr zur ‚Normalität‘ des Wissenschaftsbetriebs. In Rumänien und Deutschland, in Kanada und Frankreich, in den USA und Großbritannien, in Ungarn und Italien wurden und werden zahlreiche Dissertationen über die neuere rumäniendeutsche Literatur geschrieben, bietet sich diese doch auch als ergiebiges Untersuchungsfeld im größeren Zusammenhang des internationalen Diskurses über Migration, Multikulturalität und Minderheitenproblematik geradezu an.

Die deutschen Schriftsteller in und aus Rumänien, die der Einladung von Herrn Kulturstaatsminister Neumann verständlicherweise in erfreulich großer Anzahl gefolgt sind – denn wann bietet sich ihnen nochmals solch eine Chance der Zusammenkunft ‚en bloc‘ im Bundeskanzleramt? –, sind Chronisten unverwechselbarer und doch auch paradigmatischer Erfahrungsgeschichten im Zeitalter der Extreme – sowohl jene, die in den Jahren der nationalkommunistischen Diktatur den langen Weg antraten aus der fremd gewordenen Heimat in die Fremde der Freiheit, als auch die wenigen, die sich ihr Bleiberecht nicht wegtrümmern ließen. Das Erbe des Nationalsozialismus, die Russlanddeportation, der stalinistische Terror der 1950er Jahre, die relative Liberalisierung und Lockerung der Restriktionen, die bleierne Zeit des Nationalkommunismus, Aussiedlung und Neuanfang – dies alles bildet, stichwortartig verknappt, die Erlebnisgrundlagen eines vorrangig autobiografisch zentrierten Schreibens.

Die deutsche Literatur im heutigen Rumänien hat sich in ihren Entstehungsräumen niemals bezugslos entwickelt, sondern in einem polyethnischen zonalen System entfaltet. In einer spezifischen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in einer für kleine Literaturen erstaunlichen Formen- und Ausdrucksvielfalt, die sich, ebenso wie die einfallsreichen Techniken der poetischen Camouflage, bereits in Rumänien herausbildeten, thematisieren rumäniendeutsche Autoren Risse und Brüche, Verstrickungen und Vereinnahmungen, Anpassung und Widerstand, Schreibnöte und Identitätskrisen, Annäherung und Verweigerung im Mit- und Nebeneinander der Ethnien in Vielvölkerregionen. Der Bogen spannt sich von umfassenden Sittengemälden und Milieustudien zu atemberaubenden linguistischen Innovationen und Versuchsanordnungen, vom Dokumentarroman zu aberwitzigen Grotesken, vom lakonischen Kurzgedicht zum elegisch orchestrierten lyrischen Poem, vom Bildungs- und Familienroman zu Bild-Text-Collagen. In ihren Gedichten, Erzählungen und Romanen düstert häufig das Motiv der verkehrten Welt auf, das mit jenem des alles überschattenden Abschieds vernetzt wird. Doch lassen sich diese Botschaften aus dem Universum des real existierenden Sozialismus balkanischer Prägung – und das verleiht ihnen Korrosionsbeständigkeit – auch als Parabeln von der Entmündigung des Subjekts, seiner Fremdbestimmung in einer restlos verwalteten Realität lesen.

Mitgebracht haben die rumäniendeutschen Autoren in das Land ihrer Muttersprache nicht nur das Reisegepäck ihrer Erfahrungsgeschichte, sondern – um Herta Müller zu zitieren – auch den jener geschuldeten „fremden Blick“ auf das neue Lebensumfeld. Was sie weiterhin verbindet, sind die gemeinsamen Themenfelder und Reflexionsbereiche nach dem Weltwechsel: Zwänge der Erinnerungen, verwirrende Ankunft und versuchte Landnahme, zersplitterte Identität und geteilte Existenz, bohrende Fragen nach der Verwendbarkeit ihres Minderheitendeutsch in der ungewohnten Vielstimmigkeit der medial gesteuerten Gesellschaft. Sie haben eine langjährige Schule des skeptischen, des misstrauischen Schauens durchlaufen, ihre erworbene Illusionslosigkeit schirmt sie ab vor dem Gewitter der Vergnügungs- und Sinnangebote in der buntscheckigen Welt der Waren, des Geldes und der Werbung. Sie durchstoßen eingerostete Wahrnehmungsmuster und Eigenstereotype, verfremden das Vertraute ins Unvertraute, spüren die Diskrepanzen zwischen Zeichen und Bezeichnetem, zwischen Schein und Sein auf und entwickeln ungewohnte und erhellende Sichtweisen auf die deutsche Wirklichkeit und die Gesinnungslage der Nation, als deren Teil sie sich begreifen. Dabei bewahren sie ihrem Herkunftsraum auch in spurensuchender Essayistik, als Verfasser von Sachbüchern, als interessierte, als teilnehmende, als kritische Beobachter der postkommunistischen Entwicklungen in Rumänien und nicht zuletzt als Analytiker und profunde Kenner rumänischer Literatur die Treue.

Die von der kommunistischen Kulturpolitik verordnete Weggenossenschaft im Zeichen der Verbrüderung unter dem Banner der marxistisch-leninistischen Ideologie hatte die rumäniendeutsche näher an die rumänische Literatur herangerückt. Dies hatte einen glücklichen Nebeneffekt: die Herausbildung von Freundschaften, von intensiven Kontaktbeziehungen, die die Jahre der Diktatur überdauert haben.

Die von Dieter Schlesak 1998 bei Galrev in Berlin herausgegebene, 421 Seiten umfassende Anthologie Gefährliche Serpentinen. Rumänische Lyrik der Gegenwart versammelt Texte von insgesamt 114 Dichtern. Überfliegt man die Namen der 34 Übersetzer und Übersetzerinnen, so fällt auf, dass sie – mit einer Ausnahme – über längere oder kürzere Zeiträume hinweg an der rumäniendeutschen Literatur mitgeschrieben haben: als Poeten und Erzähler, als Literaturkritiker und Publizisten und eben als Übersetzer aus dem Rumänischen. Auch ein schneller Blick auf den deutschen Büchermarkt beweist, dass die meisten der viel zu wenigen Übersetzungen neuerer rumänischer Literatur der nicht gerade üppig honorierten Denk- und Schreibarbeit rumäniendeutscher Multiplikatoren entsprungen sind. So wirkten und wirken Georg Aescht, Gerhardt Csejka, Franz Hodjak, Ernest Wichner als „geschäftige Kuppler“ in einem zusammenwachsenden Europa – als solche bezeichnete einer, der alles wusste, die Übersetzer: Johann Wolfgang von Goethe.

Andererseits sind auch viele der neueren Werke rumäniendeutscher Autoren ins Rumänische übertragen worden, ihre Lesereisen durch Rumänien füllen die Säle, und die rumänische Universitätsgermanistik hält die Erinnerung an die Geschichte dieser Literatur wach, die nicht nur die deutsche Kulturszene um mehr als einen exotischen Farbtupfer bereichert hat. Weitgehend unbekannt ist hierzulande, dass eine kleine Minderheitenliteratur in eine Vorreiterrolle aufrückte, dass sie Schrittmacherdienste für eine Nationalliteratur leistete. Auch nach der Wende in Rumänien wurde in literaturhistorischen Synopsen, in Bestandsaufnahmen und Retrospektiven der enorme Einfluss junger rumäniendeutscher Lyriker auf die jüngsten rumänischen Poeten, auf die so genannte Generation 80, ausdrücklich hervorgehoben – ein ungewöhnliches Kapitelchen Wirkungsgeschichte, dem sicherlich keine Fortsetzung beschieden ist.

Doch noch lebt eine im Wandel begriffene deutsche Literatur in Rumänien weiter, nicht nur durch die Werke einer zur Sesshaftigkeit entschlossenen älteren Generation, sondern auch durch Versuche jüngerer Autoren, deren Muttersprache nicht selten das Rumänische ist, deren Sozialisation und Kulturalisation im Ausdrucksmedium Deutsch erfolgte – an deutschsprachigen Gymnasien und auch als Studenten der Germanistik. Und es ist nicht auszuschließen, dass die kleine rumäniendeutsche Literatur für weitere Überraschungen sorgen könnte.

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