Lexika und Dokumentationen

Wie zwei Banater Pfälzer zum ersten Mal die Pfalz kennen lernten [...]

Wie zwei Banater Pfälzer zum ersten Mal die Pfalz kennen lernten und erstaunt waren, dass die beiden Mundarten in Sprache und Redeweise nicht voneinander abwichen

Autor: Herr K., Lehrer

Quellenbeschreibung: Tonband, Vollspur, BASF LGS, 9 cm/sec., KL 35

Entstehungsort und -zeit: Wiesenfelden, 29. Mai 1954

Entstehungszusammenhang: Volkskundliches Interviewprojekt

Schlagworte: Dialekt

Geographische Schlagworte: Groß-Sankt Peter, Banat; Haßloch, Pfalz

Konkordanz: Groß-Sankt Peter → Sânpetru Mare, Rumänien

Fundort: Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde, Freiburg, Tonarchiv; Band 0101, Spur 1; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3535-Institut-fuer-Volkskunde-der-Deutschen-im-oestlichen-Europa-vor.html

Editionsmodus: Transkript im Dialekt und Transkript in Hochdeutsch

Inhalt:

Ein Banater Schwabe erzählt in einer kurzen Anekdote, wie er und ein Bekannter während eines Aufenthalts in der Pfalz feststellten, dass die dortige Sprache immer noch derjenigen entspricht, welche sie als Nachfahren von ins Banat ausgewanderten Pfälzern sprechen.

Einordnung/Kommentar:

Das Banat ist eine Landschaft von der Größe Belgiens am Südostrand der ungarischen Tiefebene. Etwa zwei Drittel der Region gehören heute zu Rumänien, ein Viertel zu Serbien und ein kleiner Teil zu Ungarn.[1] Das Banat hat eine bewegte Geschichte, in welcher die politische Zugehörigkeit des Gebietes mehrmals wechselte. Im Mittelalter Teil des Königreichs Ungarn wurde es seit dem 16. Jahrhundert von Osmanen stufenweise erobert und in ihr Reich integriert, bis es in den sogenannten Türkenkriegen (1683 - 1699, 1716 - 1718) von Österreich erobert wurde. Während dieser Kriege wurde das seit der osmanischen Eroberung entvölkerte Banat teilweise verwüstet, weshalb die Habsburger eine Neubesiedlung initiierten. In drei "Schwabenzügen" wurden im 18. und frühen 19. Jahrhundert Siedler aus Westeuropa in die bis dato umkämpften Regionen geholt.[2]

Bei diesen Siedlern handelte es sich nur zu einem kleinen Teil um Schwaben, Schwabe ist in diesem Zusammenhang eine Fremdzuschreibung durch die einheimische Bevölkerung, die sich die Siedler und ihre Nachkommen jedoch bald zu Eigen machten. Tatsächlich stammten die neuen Bewohner des Banats und der benachbarten Regionen vor allem aus der Pfalz, aus Schwaben, Rhein- und Mainfranken und zu einem kleineren Teil aus dem Elsass, Lothringen, Bayern, Böhmen, Österreich, Italien und Frankreich.[3] Da diese Menschen gruppenweise in oft eigens angelegten Dörfern angesiedelt wurden, bewahrten sie weitgehend ihre Traditionen und ihre Sprache. Mit der Zeit bildete sich aus dem Zusammenspiel dieser Traditionen und Dialekte eine eigene Identität heraus.[4] Auf sprachlicher Ebene setzten sich dabei entweder Mischdialekte durch oder Dialekte, die ohnehin von den meisten Siedlern einer Ortschaft oder Kleinregion gesprochen wurden.[5] Bei vielen Banater Schwaben spiegelt daher die Mundart bis heute die Herkunft.[6] Pfälzisch wurde in mehreren Ortschaften des Banats und der benachbarten Batschka gesprochen, auch in Herrn K.s Heimatort Groß-Sankt Peter dominierte diese rheinfränkische Mundart.[7]

Es spricht für die tiefe Verankerung der Sprache, dass sich die einzelnen Dialekte trotz der verschiedenen politischen Zugehörigkeiten der Region im 19. und 20. Jahrhundert als Mundartlandschaften erhalten haben und oft noch sehr stark den Ausgangsmundarten gleichen. Anekdoten wie die von Herrn K. hier erzählte finden sich deshalb häufig in den Erinnerungen von Banater Schwaben und anderen Angehörigen der deutschen Minderheiten in Südosteuropa. Viele stammen von Männern, die als sogenannte Volksdeutsche in der deutschen Wehrmacht gedient haben und auf diese Weise in die Heimat ihrer Vorfahren gelangten. Andere stammen von Minderheitenangehörigen, welche am Ende des Zweiten Weltkriegs während des Rückzugs der deutschen Truppen nach Deutschland flüchteten oder vertrieben wurden.[8]


[1] Wolf 2007; Gehl 2005, S. 48.

[2] Beer 2009, S. 284; Jordan, Kahl 2008, S. 72.

[3] Gehl 2005, S. 44-46, 50; Jordan, Kahl 2008, S. 72.

[4] Gehl 2005, S. 46.

[5] Gehl 2005, S. 47, 50f.

[6] Jordan, Kahl 2008, S. 72.

[7] Gehl 2005, S. 51f, 61; Wolf 1987.

[8] Allerdings fanden im Banat keine systematischen Vertreibungen wie in den preußischen Ostprovinzen oder in Teilen der Tschechoslowakei statt. Beer 2009, S. 297-300; Baier 2008, S. 179f.

Literatur:

Baier 2008: Hannelore Baier: Die Deutschen in Rumänien in den Jahren 1945 bis 1948. In: Mariana Hausleitner (Hg.): Vom Faschismus zum Stalinismus. Deutsche und andere Minderheiten in Ostmittel- und Südosteuropa 1941-1953. München 2008, S. 173-180

Beer 2009: Mathias Beer: Rumänien: Regionale Spezifika des Umgangs mit deutschen Minderheiten am Ende des Zweiten Weltkriegs in Südosteuropa. In: Mathias Beer, Dietrich Beyrau, Cornelia Rauh (Hg.): Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950. Essen 2009, S. 279-303

Gehl 1998: Hans Gehl: Die aktuelle sprachliche Gliederung der Donauschwaben. In: Hans Gehl (Hg.): Sprachgebrauch - Sprachanpassung. Eine Untersuchung zum heutigen Gebrauch der deutschen Sprache in Westrumänien und zur sprachlichen Anpassung der Donauschwaben. Tübingen 1998, S. 144-184

Gehl 2005: Hans Gehl: Wörterbuch der donauschwäbischen Lebensformen. Donauschwäbische Fachwortschätze Teil 4. Stuttgart 2005

Jordan, Kahl 2008: Peter Jordan, Thede Kahl: Ethnische Struktur. In: Thede Kahl u.a. (Hg.): Rumänien. Raum und Bevölkerung, Geschichte und Geschichtsbilder, Kultur. Gesellschaft und Politik heute, Wirtschaft, Recht und Verfassung, historische Regionen. 2. Auflage, Wien 2008S. 63-88

Toma 1998: Alina Florina Toma: Grenzen und Perspektiven einer Sprache und Kultur - die Lage des Deutschen im rumänischen Banat. In: Hans Gehl (Hg.): Sprachgebrauch - Sprachanpassung. Eine Untersuchung zum heutigen Gebrauch der deutschen Sprache in Westrumänien und zur sprachlichen Anpassung der Donauschwaben. Tübingen 1998, S. 46-89

Wolf 1987: Johann Wolf: Banater deutsche Mundartenkunde. Bukarest 1987

Wolf 2007: Josef Wolf: Zur Genese der historischen Kulturlandschaft Banat. Ansiedlung, Siedlungsgestaltung und Landschaftswandel im Banat vom frühen 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. In: Walter Engel (Hg.): Kulturraum Banat. Deutsche Kultur in einer europäischen Vielvölkerregion. Essen 2007, S. 13-70


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