Lexika und Dokumentationen

Unsere Flucht

Unsere Flucht

 

Autor/Autorin: Charlotte Sch.

Quellenbeschreibung: Erinnerungsbericht, Tagebuch, maschinenschriftliches Transkript eines handschriftlichen Manuskripts, 27 Seiten

Entstehungszeit: 1945-1946

Entstehungszusammenhang: nicht bekannt

Entstehungsort: Flüchtlingslager Dragør, Dänemark

Zeitraum der Schilderung: 1945-1946

Personen: Beniamino Gigli (1890-1957), italienischer Tenor

Schlagworte: Flüchtlingslager, Konzerte, Krankheit, allgemeine und medizinische Versorgung, Rotes Kreuz, Schule, Tieffliegerangriffe, Weihnachten, Wohnverhältnisse

Geographische Schlagworte: Danzig-Langfuhr, Heubude, (Klein) Plehnendorf, Groß Plehnendorf, Östlich Neufähr, Hela, Dänemark, Kopenhagen, Dragör

Konkordanz: Danzig-Langfuhr → Wrzeszcz, Ortsteil von Gdańsk, Polen

Heubude → Stogi, Polen; (Klein) Plehnendorf → Płonia Mała, Polen; Groß Plehnendorf → Płonia Wielka, Polen; Neufähr → Górki Wschodnie, Polen; Hela → Hel, Polen; Dragör → Dragør, Dänemark

Fundort: Museum Haus Hansestadt Danzig, Lübeck, Signatur 1.12.067, http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3646-Museum-Haus-Hansestadt-Danzig.html

Editionsmodus: (vollständiges Digitalisat)

Inhalt:

Die Autorin beschreibt ihre Flucht von Danzig-Langfuhr nach Kopenhagen sehr ausführlich. Sie nennt jede einzelne Station ihrer völlig unorganisierten Bewegungen im Raum Danzig und umreist die dortigen Erlebnisse. Von der Reise über Hela nach Kopenhagen mit dem Passagierschiff Deutschland berichtet sie kursorisch. Sehr ausführlich fällt ihr Bericht zum Leben in Flüchtlingslagern in Dänemark aus.

Einordnung/Kommentar:

Der Bericht ermöglicht einen Einblick in die Verhältnisse, die kurz vor der Eroberung Danzigs in dessen Umland herrschten. Die Autorin hielt sich mit ihrem Mann noch am 24. März 1945 in ihrer Wohnung im Danziger Vorort Langfuhr. An diesem Tag begann der Beschuss Danzigs mit Artillerie.[1] Die Landverbindungen der Stadt nach Westen waren bereits am Vortag durch einen Vorstoß der Roten Armee an die Ostseeküste zwischen Danzig und Gdingen endgültig abgeschnitten worden. In der Stadt gab es, auch aufgrund von Luftangriffen, bereits seit dem 9. März immer wieder die von Frau Sch. beschriebenen Großbrände.[2] Von einem Evakuierungsbefehl berichtet die Autorin nicht. Alle von Frau Sch. beschriebenen Maßnahmen scheinen aus privater Initiative entstanden zu sein. Von Panik angesichts der anrückenden Roten Armee ist in ihrer Erzählung nichts zu spüren. Den andauernden Beschuss, der sie und ihre Begleiter mehrfach beinahe das Leben kostete, schildert sie ebenso wie den Anblick der seit Ende 1944 häufig zu sehenden Flüchtlingstrecks[3] derart lakonisch, dass der Eindruck entsteht, der Ernst der Lage sei ihr nicht bewusst gewesen, bzw. als handle es sich um eine Abwehrhaltung, die suggeriert, man sei stets Herr der Lage gewesen.[4]

Die Altstadt Danzigs war bereits seit einem Tag (29. März 1945) in der Hand der Roten Armee[5], als es der Autorin und ihren Begleitern gelang, aus den Vororten auf die noch in deutscher Hand befindliche Halbinsel Hela überzusetzen. Von Hela aus wurden bis zum 7. Mai 1945 zahlreiche Flüchtlinge in den Westen verschifft, die Halbinsel bildete auch für Flüchtlinge aus Königsberg eine wichtige Durchgangsstation.[6] Die Deutschland, ein für ca. 1.000 Passagiere und 400 Besatzungsmitglieder ausgelegtes Passagierschiff der Reederei Hapag, soll auf insgesamt sieben Fahrten ca. 70.000 Flüchtlinge transportiert haben. Ob sie bei der Fahrt, mit der Frau Sch. nach Kopenhagen gelangte, tatsächlich 18.000 Flüchtlinge beförderte, muss offen bleiben. Frau Sch. kam am 4. April 1945 in Kopenhagen an, die Deutschland soll bis zum 10. April an der Evakuierung von Flüchtlingen beteiligt gewesen sein. Es dürfte sich angesichts der von Frau Sch. beschriebenen Lade- und Fahrzeiten um die letzte Fahrt der Deutschland zu diesem Zweck gehandelt haben.[7]

Dänemark war am 9. April 1940 von deutschen Truppen „friedlich“ besetzt worden – die Wehrmacht wollte einer eventuellen Besetzung des Landes durch die Alliierten zuvor kommen. Dänemarks Regierung akzeptierte unter dem Druck der deutschen Armee die Besetzung ihres Landes, wenn im Gegenzug dessen territoriale Integrität erhalten blieb.[8] Da das Deutsche Reich in den Dänen ein „germanisches Brudervolk“ sah, die Besatzungspolitik in Dänemark als „außenpolitisches Aushängeschild“[9], vor allem aber die Wirtschaftskraft der Skandinavier nutzen wollte und die zuständigen Stellen es für aussichtsreicher hielten, dies in Kooperation mit den Dänen zu versuchen, richteten die Besatzer nur eine „Bündnisverwaltung“ ein.[10] Da insbesondere die Landwirtschaft weiterhin produzierte und die Alliierten das Land als Opfer der deutschen Aggression ansahen und daher kaum bombardierten, waren die Lebensverhältnisse in Dänemark auch noch 1945 wesentlich besser als im Deutschen Reich.[11] In dieser Situation erließ Hitler am 4. Februar 1945 den Befehl, aufgrund des besseren Versorgungsniveaus „vorübergehend zurückzuführende Volksgenossen“[12] aus dem Osten des Reiches, also Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen, Danzig und Pommern, nach Dänemark zu bringen. In den folgenden Monaten wurden daraufhin etwa 500.000 Deutsche nach Dänemark gebracht, darunter viele Soldaten. Von ihnen blieben ca. 250.000 ähnlich wie Frau Sch. längere Zeit in dem kleinen Land mit nur vier Millionen Einwohnern.[13]

Die meisten Flüchtlinge berichten ähnlich wie Frau Sch., dass Versorgung und Behandlung sich nach der Kapitulation der deutschen Truppen im Land am 4./5. Mai 1945 schlagartig verschlechterten.[14] Dies ist nicht verwunderlich, denn die dänischen Behörden waren auf den Flüchtlingsstrom nicht ausreichend vorbereitet und Unterbringung und Versorgung wurden auch in angesichts der Gesamtlage im zerstörten Europa immer schwieriger.[15] Viele deutsche Flüchtlinge wurden zunächst in Schulen untergebracht[16] – was zugleich bedeutete, dass der Schulunterricht für dänische Kinder ausfiel. Trotz dieser und anderer Einschränkungen, welche die Dänen durch die Anwesenheit der Flüchtlinge auf vielen Gebieten erleiden mussten, schildern die meisten viele positive Begegnungen mit Dänen.[17] Auf der anderen Seite hatte auch die vergleichsweise milde Besatzungspolitik unter dänischen Widerstandskämpfern Opfer gefordert,[18], so dass die Tatsache, dass gerade Widerstandskämpfer nun in Ermangelung anderer Ordnungskräfte deutsche Flüchtlinge bewachten, zur Verschärfung der Situation beitrug.[19]

Die inneren Verhältnisse im Lager wurden, wie von Frau Sch. beschrieben, von Restriktionen, Enge, Mangel, Korruption, schlechter medizinischer Versorgung und „Seilschaften“ alter „Parteigenossen“ bestimmt.[20] Die Flüchtlinge waren damit in einer ähnlichen Situation wie diejenigen in den vier Besatzungszonen. Allerdings war die Lebensmittelversorgung in Dänemark besser als in Deutschland, jedoch galten die deutschen Flüchtlinge als Ausländer, denen kein Aufenthaltsrecht gewährt wurde und die deshalb nach Paragraph 14 des dänischen Ausländergesetzes bis zur Ausreise unter Aufsicht gestellt werden konnten.[21] Die Dänen wandten diese Bestimmung auf Druck der Alliierten an, indem sie Internierungslager einrichteten und die anfänglich gewährten Freiheiten einschränkten. Die Flüchtlinge sollten sich nicht zu wohl fühlen, keine Kontakte zu Dänen aufbauen und keinesfalls den Wunsch entwickeln, zu bleiben.[22] Die offizielle Begründung für die Internierung – Schutz der dänischen Bevölkerung vor Krankheiten und Vermeidung von Racheakten an ihnen – waren allerdings auch nicht aus der Luft gegriffen.[23]

Das Lager Dragør scheint vor allem von Deutschen bewohnt worden zu sein, die aber wohl einige der Vergünstigungen von Lagern für Angehörige alliierter Nationen genossen wie einen wenn auch stark eingeschränkten Ausgang. Ihr Antrag, in ein solches internationales Lager verlegt zu werden, beruhte auf ihrem Status als Einwohnerin Danzigs, das bis zur Besetzung Polens dem Völkerbund unterstand. Es ist aber auch möglich, dass Frau Sch. aufgrund ihrer Beteiligung an der Lagerselbstverwaltung das Privileg beschränkten Ausgangs genoss. Diese Selbstverwaltung der Lagerinsassen war in allen Lagern üblich, ebenso der von Frau Sch. beschriebene Schulunterricht.[24] Das Kulturangebot differierte je nach Größe und Ausstattung des jeweiligen Lagers und dem Engagement seiner Bewohner.[25]

Wie Frau Sch. litten viele Flüchtlinge stark unter der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen. Zeitweise wurde ein Viertel aller Bewohner Deutschlands gesucht oder war selbst auf der Suche nach nahestehenden Personen.[26] Durch die Initiative Einzelner wurden Suchdienste eingerichtet, die teilweise zu zonen- und schließlich deutschland- und europaweit operierenden Organisationen ausgebaut wurden. Ihnen gelang es bis 1947 allein in Dänemark 38.798 Vermisste aufzufinden.[27]

Frau Sch.’s Bericht endet vor ihrer Ausreise nach Deutschland. Sie wird wie die meisten Flüchtlinge zwischen dem 11. November 1946 und dem November 1948 in eine der vier Besatzungszonen gebracht worden sein.[28]



[1] Siegler 1991, S. 407.

[2] Schenk 2000, S. 259-264; Siegler 1991, S. 403, 407; Loew 2011, S. 226.

[3] Loew 2011, S. 225.

[4] Wierling 1999, S. 313.

[5] Loew 2011, S. 226.

[6] Kabath, Forstmeier 1963, S. 394, 412f.

[7] Kludas 2008, S. 92; Rothe 1985, S. 81.

[8] Herbert 1996, S. 323, 326; Mix 2005, S. 19; Umbreit 1988, S. 46-48.

[9] Herbert 1996, S. 327.

[10] Herbert 1996, S. 323, 326f, 375; Mix 2005, S. 22; Umbreit 1988, S. 48.

[11] Mix 2005, S. 27; Herbert 1996, S. 323.

[12] Zitiert nach Mix 2005, S. 13.

[13] Herbert 1996, S. 396; Mix 2005, S. 22, 53f.

[14] Vgl. Mix 2005, S. 28-31.

[15] Vgl. Mix 2005, S. 34f.

[16] Vgl. Mix 2005, S. 14, 29, 36f, 50.

[17] Vgl. Mix 2005, S. 37f.

[18] Herbert 1996, S. 323.

[19] Vgl. Mix 2005, S. 39, 41-44.

[20] Vgl. Mix 2005, S. 33, 57-79, 101-116.

[21] Mix 2005, S. 38.

[22] Mix 2005, S. 53.

[23] Mix 2005, S. 38.

[24] Mix 2005, S. 44-49, 137-150.

[25] Mix 2005, S. 52, 151-169.

[26] Kalcyk, Westholt 1996, S. 11.

[27] Mix 2005, S. 54-57; Vgl. Kalcyk, Westholt 1996, S. 13, 15-22; Mittermaier 2002.

[28] Mix 2005, S. 209f.

 

Literatur:

Havrehed 1987: Henrik Havrehed: De tyske flygtninge i Danmark 1945-1949. Odense 1987

Herbert 1996: Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989. Bonn 1996

Kabath, Forstmeier 1963: Rudolf Kabath, Friedrich Forstmeier: Die Rolle der Seebrückenköpfe beim Kampf um Ostpreußen 1944-1945. In: Hans Meier-Welcker (Hg.): Abwehrkämpfe am Nordflügel der Ostfront 1944-1945. Stuttgart 1963, S. 215-451

Kalcyk, Westholt 1996: Hansjörg Kalcyk, Hans-Joachim Westholt: Suchdienst-Kartei. Millionen Schicksale in der Nachkriegszeit. Bonn 1996

Kludas 2008: Arnold Kludas: Die Geschichte der Hapag-Schiffe. Band 3: 1914-1932. Bremen 2008

Loew 2011: Peter Oliver Loew: Danzig. Biographie einer Stadt. München 2011

Mittermaier 2002: Klaus Mittermaier: Vermißt wird... Die Arbeit des deutschen Suchdienstes; Berlin 2002

Mix 2005: Karl-Georg Mix: Deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945-1949. Stuttgart 2005

Rothe 1985: Claus Rothe: Deutsche Ozean-Passagierschiffe 1919 bis 1985. Berlin 1985

Schenk 2000: Dieter Schenk: Hitlers Mann in Danzig. Albert Forster und die NS-Verbrechen in Danzig-Westpreußen. Bonn 2000

Siegler 1991: Hans Georg Siegler: Danzig. Chronik eines Jahrtausends. Düsseldorf 1991

Umbreit 1988: Hans Umbreit: Auf dem Weg zur Kontinentalherrschaft. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 5. Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Erster Halbband. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1939-1941. Stuttgart 1988, S. 3-345

Wierling 1999: Dorothee Wierling: The Hitler Youth Generation in the GDR: Insecurities, Ambitions and Dilemmas. In: Konrad Jarausch (Hg.): Dictatorship as Experience. Towards a Socio-Cultural History of the GDR. New York, Oxford 1999, S. 307 – 324

Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
Johann-Justus-Weg 147a | 26127 Oldenburg
Telefon: +49 441 96 19 5-0 | Fax: +49 441 96 19 5-33 | E-Mail: bkge@bkge.uni-oldenburg.de