Lexika und Dokumentationen

Meine Erinnerungen an Kaisersdorf [Galizien, 1782-1945]

Meine Erinnerungen an Kaisersdorf


Autorin: Elisabeth H., geb. um 1900

Quellenbeschreibung: Erinnerungsbericht, maschinenschriftl. Manuskript, 30 S.

Entstehungszeit: nach 1945

Entstehungszusammenhang: nicht bekannt

Entstehungsort: nicht bekannt

Zeitraum der Schilderung: 1782-1945

Schlagworte: Ortsgeschichte, Genossenschaftswesen, Sprachenpolitik, Kirche, Heiratsverhalten, Besatzung im Ersten Weltkrieg, Verwaltung, Auswanderung, Umsiedlung, Flucht/Evakuierung im Zweiten Weltkrieg, Wehrdienst, Verbleib der Minderheitenangehörigen nach 1945

geographische Schlagworte: Galizien, Ukraine, Kaisersdorf, Sambor, Warthegau

Konkordanz: Kaisersdorf → Kalinow, Ukraine
Sambor → Sambir, Ukraine

Fundort: Martin-Opitz-Bibliothek Herne, Galiziendeutsches Heimatarchiv, Signatur: Gruppe V, Nr. 3; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3552-Martin-Opitz-Bibliothek.html; http://www.bkge.de/Heimatsammlungen/Verzeichnis/Herkunftsgebiete/Galizien/Heimatarchiv.php

Editionsmodus: Vollständiges Digitalisat

Inhalt:

Die Autorin referiert kursorisch die Geschichte Kaisersdorfs bei Sambor in Galizien seit dessen Gründung 1782. Sie beschreibt die Lage des Ortes in der Vorkarpatenebene am Dnister/Dnjestr/Dniestr und die daraus resultierenden Anforderungen an die Landwirtschaft, den vorherrschenden Erwerbszweig im Dorf. Hauptsächlich berichtet sie jedoch vom Alltagsleben. Dabei räumt sie der im 20. Jahrhundert verstärkt einsetzenden Polonisierung und der damit verbundenen Zurückdrängung der deutschen Sprache, insbesondere in Schule, Gottesdienst, Beruf und im Umgang mit Ämtern, breiten Raum ein. Frau H. beschreibt zahlreiche Bräuche und Traditionen bei kirchlichen Festen, anlässlich Kirchweih, Hochzeiten, Schlachtfesten, zu Silvester, in der Walpurgisnacht und bei anderen Gelegenheiten sehr detailliert. Sie zählt die populärsten Lieder, Tänze und Sprüche auf. Die Vorlieben bei der Wahl der Ehepartner beschreibt sie im Zusammenhang mit den Kontakten zu anderen deutschen Siedlungen und dem Verhältnis zu Polen und Ukrainern.

Zur Besetzung und teilweisen Verwüstung Kaisersdorfs im Ersten Weltkrieg zitiert die Autorin einen längeren Brief des damaligen Ortsvorstehers. Die Repressionen am Anfang des Zweiten Weltkriegs, die Umsiedlung in den Warthegau 1940 und die endgültige Flucht und Zerstreuung der Kaisersdorfer schildert sie hingegen nur sehr knapp. Abschließend zählt sie die Regionen auf, in denen seit dem Zweiten Weltkrieg Kaisersdorfer leben.

Einordnung/Kommentar:

Die Autorin beabsichtigte offenbar, eine Geschichte ihres Heimatdorfes zu schreiben und damit auch kulturelle Eigenheiten der Deutschen in Galizien vor dem Vergessen zu bewahren. Angaben zu ihrer Person und ihren persönlichen Erlebnissen spielen in dem Text dementsprechend nur eine marginale Rolle. Sie greift neben eigenen Beobachtungen auf Berichte Dritter und auf Angaben aus der Literatur zurück, insbesondere auf die Chronik von Ludwig Schneider[1].

Kaisersdorf lag als eines der größeren deutschen Dörfer zwischen den polnisch geprägten Vororten Sambors und den ukrainischen Dörfern des Umlandes unmittelbar nördlich des Dnister an der Bahnstrecke Sambor-Lemberg/Lwiw, etwa zehn Kilometer von anderen deutschen Siedlungen in Ostgalizien entfernt. Frau H. berichtet zutreffend, dass Kaisersdorf ab 1772/81 durch die Ansiedlung von Pfälzern entstand, deren Mundart bis ins 20. Jahrhundert die deutschen Siedlungen dominierte.[2] Die von Frau H. beobachtete Zurückdrängung der deutschen Sprache setzte bereits mit der Sonderstellung des Königreichs Galizien und Lodomerien innerhalb Österreich-Ungarns 1868 ein, da Polnisch Amtssprache wurde.[3]

Nach 1918 setzte sich diese Entwicklung fort. Polen war zwar an den Versailler Minderheitenvertrag gebunden, betrieb aber dennoch eine rigorose Minderheitenpolitik.[4] Insbesondere das Schulwesen wurde polonisiert. Die Deutschen in Galizien wurden dadurch jedoch weniger stark getroffen als andere Minderheiten, denn sie galten aufgrund ihrer geringen Zahl und ihrer politischen Passivität nicht als Gefahr für die Integrität des jungen Staates.[5] Das traditionell gut ausgebaute Schulwesen der Deutsch-Galizier - die ersten Schulen wurden bereits kurz nach der Ankunft der ersten Siedler in den 1780er Jahre gegründet - blieb in weiten Teilen erhalten. 1924 wurden die meisten Minderheitenschulen in zweisprachige Schulen umgewandelt, dennoch besuchten noch zwölf Jahre später 55,4 Prozent aller deutschsprachigen Kinder eine muttersprachliche Schule, 31,1 Prozent mussten auf Deutschunterricht verzichten.[6] Letztere wurden von den von Frau H. erwähnten Wanderlehrern in ihrer Muttersprache unterrichtet.[7] Im katholischen Kaisersdorf bestand noch 1928 eine deutschsprachige Schule, allerdings wurde der Religionsunterricht gemischtsprachig abgehalten. Die von Frau H. beobachtete Polonisierung des Gottesdienstes führte gleichzeitig dazu, dass in der seit 1877 eigenständigen deutschen Pfarre Kaisersdorf zwar noch deutsch gesungen, aber nicht mehr deutsch gepredigt wurde.[8]

Galizien galt als fast ausschließlich durch Getreideanbau und Pferdezucht geprägte Region - auch zwei Drittel der Deutschen arbeiteten als Landwirte - bereits Ende des 19. Jahrhunderts als überbevölkert. Dies verursachte die von Frau H. erwähnte Auswanderung vor allem in den Posener Raum, wo die preußischen Behörden versuchten, zur "Germanisierung" der Provinz deutsche Bauern anzusiedeln.[9] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten die Deutschen in Galizien zahlreiche Genossenschaften und kulturpolitische Organisationen, um diesem Phänomen entgegen zu wirken. Insbesondere letztgenannte Institutionen wurden nach 1918 angesichts der massiveren Polonisierung stark ausgebaut.[10] Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiet waren, wie auch von Frau H. beschrieben, deutsche Organisationen sehr erfolgreich.[11]

Die Besetzung und teilweise Zerstörung Kaisersdorfs im Ersten Weltkrieg entsprach den Geschehnissen in weiten Teilen Galiziens.[12] Gleiches gilt für die antideutschen Maßnahmen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.[13] Im Dezember 1939 und im Januar 1940 wurden etwa 55.000 Galiziendeutsche, darunter auch die meisten Kaisersdorfer, aufgrund eines Umsiedlungsvertrags zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion in den sogenannten Warthegau - die Region um Posen/Poznań- umgesiedelt. Sie sollten dort den von den Nationalsozialisten gewünschten "Lebensraum im Osten" besiedeln und germanisieren.[14] Frau Hs Bericht lässt deutlich erkennen, dass dies nicht auf Begeisterung stieß. Ihre resignative Bemerkung "Es mußte sich jedoch jeder eingestehen, daß es keinen Sinn hatte zu bleiben", lässt aber auch eine bei den Umzusiedelnden weit verbreitete Stimmung erkennen: Offiziell war die Umsiedlung zwar freiwillig, den Galiziendeutschen blieb angesichts der drohenden und von ihnen gefürchteten Sowjetisierung allerdings kaum etwas anderes übrig, als sich den Trecks anzuschließen.[15] Über die ausgesprochen negativen Begleitumstände der Umsiedlung sowohl für die Galizien-Deutschen selbst - die Transporte fanden oft unter widrigsten Bedingungen statt und viele Umsiedler mussten lange in Lagern leben - wie auch für die Polen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen vertrieben und deren Höfe an die Neusiedler verteilt wurden, schweigt sich die Autorin aus.[16]


[1] Schneider 1989, S. 162-166.

[2] Lempart 1999, S. 432.

[3] Lempart 1999, S. 439.

[4] Lempart 1999, S. 442.

[5] Lempart 1999, S. 442-444, 477-478, 481.

[6] Lempart 1999, S. 475-485.

[7] Röskau-Rydel 1999, S. 143.

[8] Kuhn, 1930, S. 184, 218, 226.

[9] Lempart 1999, S. 419, 457, 461; Röskau-Rydel 1999, S. 113-115, 133-134, 171; Krzoska 2010, S. 66.

[10] Lempart 1999, S. 445, 461; Röskau-Rydel 1999, S. 135-136, 142, 144, 171-174.

[11] Röskau-Rydel 1999, S. 144.

[12] Röskau-Rydel 1999, S. 153-168.

[13] Lempart 1999, S. 456; Röskau-Rydel 1999, S. 174, 185.

[14] Pinkus, Fleischhauer 1987, S. 233; Sakson 2010; Roth 2010; Schwartz 2008, S. 533-543; Esch 1998, S. 21-46, 79-101, 128-165, 229-251, 324-364; Hecker 1971.

[15] Vgl. Röskau-Rydel 1999, S. 193; Roth 2010, S. 10; Schröder 2010, S. 59; Für das völlig andere Bild der nationalsozialistischen Propaganda siehe: Der Treck 1941.

[16] Vgl. Roth 2010, S. 13-20; Rutowska 2003; Rutowska 2010; Krzoska 2010, S. 76-78; Ziółkowska 2010; Haar 2009, S. 46-51.

Literatur:

Esch 1998: Michael G. Esch: "Gesunde Verhältnisse". Deutsche und polnische Bevölkerungspolitik in Ostmitteleuropa 1939-1950. Marburg 1998

Haar 2009: Ingo Haar: Inklusion und Genozid: Raum- und Bevölkerungspolitik im besetzten Polen 1939 bis 1944. In: Mathias Beer, Dietrich Beyrau, Cornelia Rauh (Hg.): Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950. Essen 2009, S. 35-60

Hecker 1971: Hellmuth Hecker (Hg.): Die Umsiedlungsverträge des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges. Frankfurt/Main 1971

Krzoska 2010: Markus Krzoska: Volksdeutsche im Warthegau. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 66-82

Kuhn 1930: Walter Kuhn: Die jungen deutschen Sprachinseln in Galizien. Ein Beitrag zur Methode der Sprachinselforschung. Münster 1930

Lempart 1999: Matthias Lempart: Polen. In: Walter Ziegler (Hg.): Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert: Strukturen, Entwicklungen, Erfahrungen. Teil 1. München 1999, S. 407-495

Pinkus, Fleischhauer 1987: Benjamin Pinkus, Ingeborg Fleischhauer: Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte einer nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert. Baden-Baden 1987

Röskau-Rydel 1999: Isabel Röskau-Rydel: Galizien. In: Dies. (Hg.): Galizien. Berlin 1999 (Deutsche Geschichte im Osten Europas), S. 15-217

Roth 2010: Markus Roth: Nationalsozialistische Umsiedlungspolitik im besetzten Polen - Ziele, beteiligte Institutionen, Methoden und Ergebnisse. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 9-20

Rutowska 2003: Maria Rutowska: Wysiedlenia ludnosci polskiej z Kraju Warty do Generalnego Gubernatorstwa 1939-1941 (Prace Instytutu Zachodniego Nr. 71). Poznań 2003

Rutowska 2010: Maria Rutowska: Die Aussiedlung von Polen und Juden aus den in das Dritte Reich eingegliederten Gebieten ins Generalgouvernement in den Jahren 1939-1941. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 43-51

Sakson 2010: Andrzej Sakson: Einführung. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 1-5

Schneider 1989: Ludwig Schneider: Das Kolonisationswerk Josefs II. in Galizien. Darstellung und Namenslisten. Nachdruck der Orig.-Ausg. Leipzig, 1939. Berlin 1989

Schröder 2010: Matthias Schröder: "Rettung von dem Bolschewismus"? Die Ansiedlung der Deutschbalten im Warthegau. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 52-65

Schwartz 2008: Michael Schwartz: III. Ethnische "Säuberung" als Kriegsfolge: Ursachen und Verlauf der Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus Ostdeutschland und Osteuropa 1941 bis 1950. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10. Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Zweiter Halbband. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs. München 2008, S. 509-656

Der Treck 1941: Der Treck der Volksdeutschen aus Wolhynien, Galizien und dem Narew-Gebiet. Mit einem Geleitwort von SS-Obergruppenführer Werner Lorenz und mit einer Einführung von Wilfried Bade; Volk und Reich Verlag Berlin 1941

Ziółkowska 2010: Anna Ziółkowska: Die Situation der Polen im Warthegau. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 92-100

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