Lexika und Dokumentationen

Meine Erinnerung an schlesisches Brauchtum [Schlesien um 1900]

Meine Erinnerungen an schlesisches Brauchtum

 

Autor: Herr v. Sch., Enkel eines Gutsbesitzers, geb. vor 1900

Quellenbeschreibung: Maschinenschriftliches Manuskript, 7 Seiten

Entstehungszeit und -zusammenhang: Die Einsendung erfolgte 1951 aufgrund eines Aufrufs des Volkskundlers Dr. Johannes Künzig (1897-1982) in Heimatblättern der Vertriebenen, volkskundliche Überlieferungen einzureichen.

Entstehungsort: Freiburg

Zeitraum der Schilderung: um 1900

Personen: Karl von Holtei (1798-1880), schlesischer Schriftsteller, Mundartdichter, Rezitator, Schauspieler und Regisseur[1]; Christoph Hackner (1663-1741), Architekt

Schlagworte: Alltag, Bräuche, Erntedank, Essen, Getränke, Gutshof, Kirche, Kirmes, Kultur, Landwirtschaft, Ostern, Schützenfest, sozialer Wandel, Tracht, Weihnachten

Geographische Schlagworte: Zessel bei Oels, Niederschlesien

Konkordanz: Zessel → Cieśle, Polen; Oels → Oleśnica, Polen

Fundort: Institut für Volkskunde der Deutschen im östlichen Europa (vorm. Johannes-Künzig-Institut für ostdeutsche Volkskunde), Freiburg, Archiv Einsendungen, Signatur: E/08/017; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3535-Institut-fuer-Volkskunde-der-Deutschen-im-oestlichen-Europa-vor.html

Editionsmodus: vollständiges Digitalisat

Inhalt:

Der Autor beschreibt vorab knapp den Gutshof seines Großvaters und das dazugehörige Dorf, äußert sich zum lokalen Dialekt und geht kurz auf die traditionelle Kleidung (Trachten) der Landbevölkerung ein. Sein Augenmerk gilt jedoch vor allem den lokalen Bräuchen und Traditionen, insbesondere an Festtagen.[2]

Einordnung/Kommentar:

Herr von Sch. gibt bereits einleitend an, die von ihm geschilderte ländliche Lebenswelt nur von Besuchen während seiner Kindheit zu kennen. Die gesamte Beschreibung verfasst er aus der beobachtenden Perspektive wohl aufgrund eines Anstoßes durch Dritte, nicht mit der emotionalen Nähe eines im lokalen Brauchtum fest verwurzelten Teilnehmers. Sein Bericht gewinnt dadurch eine gewisse Distanz, aber auch eine größere analytische Tiefe.

Aus dem Bericht wird die zentrale Stellung des Gutsbesitzers und seiner Familie im Dorf deutlich, die sich auch bei einigen Festen wie dem Erntefest manifestierte. Dem Autor ist aber durchaus bewusst, dass diese Position im Zuge der Modernisierung auch der ländlichen Lebens- und Arbeitswelt schon damals im Schwinden begriffen war. Herr von Sch. nennt in diesem Zusammenhang auch soziale Aufgaben (Versorgung von Armen, Alten und Kranken), die traditionell von Angehörigen der Gutsbesitzerfamilie erfüllt worden waren, was sich allerdings im Zuge des Ausbaus der Sozialsysteme und der gesetzlichen Regelung der Arbeitsverhältnisse verändert habe. Er nennt aber auch das traditionelle Erntefest, die "patriarchalische Form des Erntekranzes"[3], bei dem die Ausrichtung eines gemeinsamen, ritualisierten Festes auf dem Gutshof durch eine finanzielle Zuwendung für eine Feier der Landarbeiter im Gasthaus abgelöst worden sei.

Herr von Sch. beschreibt hier keine spezifisch schlesische Entwicklung, sondern überall in Deutschland beobachtbare Modernisierungsphänomene, die u.a. in den Agrarreformen und ihren sozialen und wirtschaftlichen Folgen ihren Ausgang nahmen. Und bereits die geschilderten Erntebräuche wie das "Binden und Lösen", das keine schlesische Besonderheit darstellte, sondern Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts in allen ostelbischen Provinzen in ähnlicher Form anzutreffen war,[4] sind Ausdruck dieser Veränderungen. Denn es zeigt sich in ihnen ein gestiegenes Selbstbewusstsein des neuen Berufsstands der Landarbeiter, die für ihre Arbeitsleistung gerade während der Ernte in ritueller Form zusätzliche Entlohnung einfordern konnten.[5]

Auch den Siegeszug "neuer" Feste beschreibt der Autor. Am Beispiel der Kirmes wird deutlich, wie das traditionelle, im dörflichen Kontext sehr bedeutende Fest[6] durch neue Feierlichkeiten abgelöst wurde, wobei den Städten in dieser Entwicklung eine Vorreiterrolle zukam. Herr von Sch. nennt Kaisers Geburtstag und die Kriegervereinsfeste - Feste, die erst nach den Reichseinigungskriegen und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs größere Bedeutung erlangten.[7] Schützenvereine und -feste können zwar oft auf eine wesentlich längere Tradition zurückverweisen, aber auch sie erreichten erst im späten 19. Jahrhundert ihre weiteste Verbreitung.[8] Die genannten Feste waren Ausdruck einer neuen, modernen und nationalen (Erinnerungs-)Kultur, die sich auch deshalb so schnell etablieren konnte, weil sie zu einer Zeit entstand, in der sich durch die Industrialisierung die gesamte Lebenswelt tiefgreifend veränderte.[9]

Ausführlichere Erwähnung neben Kleidung, Festen und Erntebräuchen findet - ausgehend vom Schlachtfest - Essen und Trinken. Als "Nationalgericht" und Sonntagsessen bezeichnet von Sch. Kartoffelklöße, vorzugsweise mit Schweinebraten und Pflaumensoße, und erwähnt die schlesische Vorliebe für verschiedene Würste und Streuselkuchen. An Getränken nennt er Korn und Kartoffelschnaps, Ungarwein und Bordeaux sowie Kulmbacher Bier, in Schlesien nach dem dortigen Generalvertreter Kiesling Bier genannt. Zusammen mit Weihnachtsessen (Karpfen und Sauerkraut) und -gebäck ergibt sich hier schon ein differenzierteres Bild der schlesischen Küche, in der Ende des 19. Jahrhunderts Kartoffeln und Kraut, (Mehl-)Suppen und Brot, Schnaps, Bier und Getreidekaffee Grundnahrungsmittel darstellten, während Würste und Braten, Wein und Gebäck aus Weizenmehl besser gestellten Schichten bzw. den Feiertagen vorbehalten waren.[10]

Im Zusammenhang mit dem schlesischen Dialekt, den der Autor für ein wichtiges Element schlesischer Identität hält, erwähnt Herr von Sch. den Schriftsteller Karl von Holtei. Holtei, 1798 in Breslau geboren und im 19. Jahrhundert durchaus populär, publizierte überwiegend in Hochdeutsch, große und nachhaltige Wirkung erzielte er jedoch durch eine Sammlung von Gedichten in schlesischem Dialekt, die er 1830 veröffentlichte.[11] Durch diese Gedichte und das von ihm geschaffene "Gemeinschlesisch" galt er als Begründer und wichtigster Vertreter der schlesischen Mundartdichtung.[12]

[1] Dziemianko 2007.

[2] Vgl. Böhnisch-Brednich 1996; Grober-Glück 1987. Einen Überblick über die volkskundlichen Forschungen zu Schlesien bietet Weger 2005.

[3] Quelle, S. 3; Vgl. Richter 2011, S. 153-158.

[4] Weber-Kellermann 1965, S. 93ff.

[5] Weber-Kellermann 1987, S. 295ff.

[6] Richter 2011, S. 158-162.

[7] Rohkrämer 1990, S. 27-82.

[8] Behrendt 2006, S. 19-23.

[9] Klenke 1995, S. 446.

[10] S. Bönisch-Brednich 1996, S. 263-266.

[11] Holtei 1830; Vgl. Dziemianko 2007, S. 331.

[12]Lasatowicz 2005, S. 260.

Literatur:

Biskup 2011: Rafał Biskup: Karl von Holteis Schlesische Gedichte und sein/ihr Einfluss auf die schlesische Mundartdichtung. In: Leszek Dziemianko (Hg.): Karl von Holtei (1798-1880). Leben und Werk. Fragestellungen - Differenzierungen - Auswertungen. Leipzig 2011, S. 252-285

Böhnisch-Brednich 1996: Brigitte Böhnisch-Brednich: Schlesische Alltagskultur und Lebenswelt. Ein volkskundlicher Überblick. In: Joachim Bahlcke (Hg.): Schlesien und die Schlesier. München 1996, S. 249-275

Drechsler, Paul: Sitte, Brauch und Volkskunde in Schlesien. 2 Bde. Leipzig 1903 (Bd. 1) und 1906 (Bd. 2) (Schlesiens volkstümliche Überlieferungen 2)

Dziemianko 2007: Leszek Dziemianko: Der junge Karl von Holtei. Leben und Werk. Dresden 2007

Grober-Glück 1987: Gerda Grober-Glück: Grundzüge schlesischer Volkskultur. In: Hans Rothe (Hg.): Ostdeutsche Geschichts- und Kulturlandschaften. Teil I Schlesien. Köln, Wien 1987, S. 195-215

Holtei 1830: Karl von Holtei: Schlesische Gedichte. Berlin 1830

Klenke 1995: Dietmar Klenke: Nationalkriegerisches Gemeinschaftsideal als politische Religion. Zum Vereinsnationalismus der Sänger, Schützen und Turner am Vorabend der Einigungskriege. In: Historische Zeitschrift 260/1995, S. 395-448

Lasatowicz 2005: Maria Katarzyna Lasatowicz: Zu Karl von Holteis Konstruktion regionaler Identität durch Sprache. In: Maria Katarzyna Lasatowicz, Andrea Rudolph (Hg.): Literaturgeschichtliche Schlüsseltexte zur Formung schlesischer Identität. Kommentierte Studienausgabe, Berlin 2005, S. 235-260

Richter 2011: Günther Richter: Feste und Bräuche im Wandel der Zeit. Kirmes, Kürbis und Knecht Ruprecht. Bielefeld 2011

Rohkrämer 1990: Thomas Rohkrämer: Der Militarismus der "kleinen Leute". Die Kriegervereine im Deutschen Kaiserreich 1871-1914. Oldenburg 1990

Weber-Kellermann, Ingeborg: Erntebrauch in der ländlichen Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts auf Grund der Mannhardtbefragung in Deutschland von 1865. Marburg 1965

Weber-Kellermann, Ingeborg: Landleben im 19. Jahrhundert. München 1987

Weger 2005: Tobias Weger: Volkskunde. In: Joachim Bahlcke (Hg.): Historische Schlesienforschung. Methoden, Themen und Perspektiven zwischen traditioneller Landesgeschichtsschreibung und moderner Kulturwissenschaft. Köln 2005, S. 619-647



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