Lexika und Dokumentationen

Erinnerungen [Estland, Deutschland 1926-2005]

Erinnerungen [Estland, Deutschland 1926-2005]

 

Autorin: Jutta Sch., 1912-2005, Bernd Sch., geb. 1940

Quellenbeschreibung: Erinnerungsbericht, maschinenschriftliches Manuskript, 21 Seiten, 23 Fotos

Entstehungszeit: 1998-2005

Entstehungszusammenhang: Niederschrift auf Bitten der Kinder, Ergänzung des unvollständigen Manuskripts durch den Sohn

Entstehungsort: Freiburg im Breisgau

Zeitraum der Schilderung: 1926-2005

Schlagworte: Bräuche, Dienstboten, Kinderspiele, Ostern, Schule, Umzug, Weihnachten, Wohnverhältnisse

Geographische Schlagworte: Ropkoy, Gutshof, heute in Dorpat, Estland; Riga, Lettland; Schwerin, Berlin, Königsberg, Warthegau, Schlesien, Bad Liebenzell, Marburg, Freiburg/Br.

Konkordanz: Dorpat → Tartu, Estland

Fundort: Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen, Signatur 1557; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3706-Deutsches-Tagebucharchiv-e.V..html

Editionsmodus: Vollständiges Digitalisat


Inhalt:

Die Autorin leitet ihr Manuskript mit einer Passage zur Herkunft ihrer Familie seit dem ausgehenden Mittelalter ein. Hauptsächlich beschreibt sie ihre unbeschwerte Kindheit als eines von vier Kindern einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie in Estland. Sie konzentriert sich auf das Familienleben und das Spiel der Kinder.[1] Die russische Revolution 1917 und das Kriegsende 1918 beschreibt sie als Einschnitt, der ihr als Kind vor allem durch die Deportation des Vaters nach Sibirien und die Flucht der Familie nach Riga und Schwerin deutlich wird. 1922 zieht die enteignete Familie nach Berlin um, wo die Eltern eine Pension betreiben. Hier bricht der Bericht ab, den weiteren Lebensweg von Frau Sch. beschreibt ihr Sohn. Nach dem Tod des Vaters 1926 heiratet Frau Sch.'s Mutter einen Verwandten und kehrt zu diesem nach Dorpat zurück. Frau Sch. wird Bibliotheksangestellte in Berlin, heiratet und wird Mutter. Sie zieht aufgrund der Kriegsereignisse mehrfach um bzw. muss fliehen, wobei sie meist bei Verwandten unterkommt. Schließlich kann sie in Marburg in ihren Beruf zurückkehren. Ihren Lebensabend verbringt sie bei ihrem Sohn in Freiburg.

Einordnung/Kommentar:

Frau Sch.s autobiographischer Bericht ist vergleichsweise knapp gehalten. Sie beschränkt sich auf selbst erlebte Anekdoten und verzichtet darauf, den historischen Rahmen der Erlebnisse zu erläutern.

Frau Sch. stammt aus einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie. Diese Familien waren bereits im Mittelalter ins Baltikum gekommen und von den Ritterorden, welche die Region erobert hatten, mit Landgütern belehnt worden. Viele dieser Gutsherrschaften bestanden bis ins frühe 20. Jahrhundert als sogenannte Rittergüter.[2] Die Familien hielten diese Tradition in Ehren[3], wie auch der Bericht von Frau Sch. zeigt - sie beginnt ihren Bericht mit der Herkunft ihrer Familie, die sie bis ins Westfalen des 13. Jahrhunderts zurückverfolgen kann.

Trotz dieser Reminiszenzen an die adlige Tradition lässt der Bericht aber bereits für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg auf der Moderne geschuldete Veränderungen in der adligen Lebenswelt schließen. Frau Sch.s Vater bewirtschaftet zwar einen Gutshof, dieser stammt aber aus dem Erbe seiner Frau. Als nachgeborener Sohn einer Adelsfamilie und damit ohne Aussichten, das väterliche Gut zu erben, hatte er sich ursprünglich einem modernen Berufsfeld zugewandt und Chemie studiert. Der Landwirtschaft scheint er sich lediglich aufgrund des Erbes seiner Frau gewidmet zu haben. Allerdings war ein Studium in Dorpat, das als geistiges Zentrum der Deutschbalten galt, auch für künftige Gutsbesitzer nicht ungewöhnlich.[4]

Die Wirren der russischen Revolution beschreibt Frau Sch. aus der Perspektive eines Kindes, ohne auf die politischen Ursachen der Entwicklung einzugehen. Die deutschbaltischen Adligen hatten ihre ursprünglich aus dem Mittelalter stammenden Privilegien teilweise bis ins 20. Jahrhundert bewahren können. Obwohl diese Vormachtstellung nicht mehr der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation dieser kleinen Minderheit entsprach, stellten sie aufgrund dieser Besonderheit weiterhin die Führungsschicht in den baltischen Provinzen des Zarenreichs.[5] Diese Rolle war tief im Selbstbewusstsein der deutschbaltischen Adligen verwurzelt.[6] Frau Sch.s auf das Jahr 1918 gemünzte Bemerkung "Es war wie ein Traum! Das Baltikum wieder nach Jahren unter deutscher Herrschaft!"[7] zeigt deutlich, dass sie in der Rückschau die deutsche Herrschaft über die Region als Selbstverständlichkeit betrachtete, welche durch die Auswirkungen des Krieges nur unterbrochen worden war.

Dennoch hatten sich auch in Estland und Lettland nationalistische Bewegungen gebildet, die für eine größere Eigenständigkeit der estnischen und lettischen Bevölkerung eintraten. In den Revolutionen von 1905 und 1917 versuchten sie ebenso wie sozialrevolutionäre Gruppen, die Vormachtstellung der Deutschbalten zu beenden. Dabei kam es auch zu Ausschreitungen, die auch über das von Frau Sch. Beschriebene hinausgingen.[8] Während des Ersten Weltkriegs standen die Deutschen, welche viele Traditionen aus der Heimat ihrer Vorfahren pflegten, überall im Zarenreich zudem im Verdacht, mit dem Feind zu kollaborieren.[9] Nach der Abdankung des Zaren sahen sich gerade die adligen Deutschbalten nicht mehr an Russland gebunden.[10] Während die Esten versuchten, einen unabhängigen Staat zu errichten, kooperierte die politische Vertretung des Adels, die Ritterschaft, nun tatsächlich mit dem deutschen Oberkommando. Nicht zuletzt deshalb wurden circa 500 Adlige aus Estland, darunter der Vater von Frau Sch., von den Bolschewiki nach Sibirien deportiert.[11]

Die deutschen Truppen hatten schon während der Kampfhandlungen Teile des Baltikums besetzt. Im Vorfeld des Friedens von Brest-Litowsk im März 1918 marschierten sie auch in Estland ein, wo sie versuchten, alle estnischen Unabhängigkeitsbestrebungen zu unterdrücken. In diesem Zusammenhang entstanden auch die von Frau Sch. erwähnten Pläne, im Baltikum einen deutschen Satellitenstaat zu errichten.[12] Sie waren langfristig unrealistisch, denn die Ritterschaft war nicht in der Lage oder willens, die angesichts der politischen und sozioökonomischen Lage notwendigen Reformen durchzuführen.[13] Ihr Einfluss stützte sich nur noch auf die militärische Macht der deutschen Armee. Die Niederlage des Deutschen Reiches im Westen beendete daher alle deutschen Planungen für das Baltikum endgültig. Die deutsche Armee musste die Region räumen.

Nach einer kurzen Phase von Kämpfen verschiedener regulärer und irregulärer Einheiten, darunter deutsche Freikorps und bolschewistische Truppen, konnten sich die Republiken Estland und Lettland etablieren.[14] In Estland wurden die deutschbaltischen Gutsbesitzer 1919 enteignet. Selbst die geringe Entschädigung, die ihnen gewährt werden sollte, wurde oft nicht ausgezahlt. Sie, die es gewohnt waren, alle einflussreichen Positionen zu besetzen, wurden aus dem Staatsdienst herausgedrängt und vom politischen Geschehen weitgehend ausgeschlossen, ihre bisherigen Organisationsstrukturen wurden aufgelöst, auch die Ritterschaften.[15] Viele Adlige mussten sich neu orientieren. Von den etwa 20.000 Deutschbalten, die während des Ersten Weltkrieges und den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeit nach Deutschland geflohen waren, gehörten nicht wenige dem Adel an. Etwa die Hälfte dieser Menschen kehrte noch Anfang der 1920er Jahre ins Baltikum zurück, die Sch.'s bildeten hier also keine Ausnahme.[16]

Aus dem Bericht von Frau Sch. geht nicht hervor, ob ihr Vater die Familie 1919 nur zeitweise in Sicherheit bringen wollte, oder ob er schon zu diesem Zeitpunkt eine dauerhafte Übersiedlung ins Reich plante. Der Verlust des Familiengutes zwang ihn jedoch wie zahlreiche andere "baltische Barone", deren Welt mit der Unabhängigkeit der baltischen Republiken untergegangen war, einer bürgerlichen Erwerbsarbeit nachzugehen.

Die Deutschbalten wurden schließlich 1940 aufgrund eines Vertrags zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion in den sogenannten Warthegau umgesiedelt, was die unter unmenschlichen Bedingungen durchgeführte Vertreibung der dort bisher ansässigen Polen bedeutete.[17] Obwohl Frau Sch. davon nicht direkt betroffen war, erlebte sie auch dieses Kapitel der deutschbaltischen Geschichte mit, da sie auf der Flucht vor Luftangriffen eine Zeit lang bei Verwandten lebte, denen ein zuvor polnischer Gutshof zugewiesen worden war.


[1] Vgl. Wilhelmi 2008; Kahk 1999.

[2] Deutinger 1999, S. 941-944; Zägel 2007, S. 235-241; Wilhelmi 2008, S. 29-43.

[3] Vgl. Ungern-Sternberg 2006, S. 227f; Plath 2004, S. 318f.

[4] Deutinger 1999, S. 965; Garleff 1987; Wilhelmi 2008, S. 40; Meyer 1996.

[5] Jansen 2007, S. 75-78; Deutinger 1999, S. 942-945, 950; Ungern-Sternberg 2006, S. 234f; Wilhelmi 2008, S. 36-42.

[6] Vgl. Plath 2004.

[7] Quelle, S. 11; Vgl. Brüggemann 1995, S. 454, 475-477.

[8] Zägel 2007, S. 239f; Deutinger 1999, S. 953f; Sauer 1995, S. 1; Wilhelmi 2008, S. 32-34; Plath 2004, S. 321; Karjahärm 1995, 448f.

[9] Garleff 2007, S. 34, 36; Wilhelmi 2008, S. 32.

[10] Garleff 2007, S. 29-31, 34, 37.

[11] Deutinger 1999, S. 945, 953f.

[12] Zägel 2007, S. 240f; Deutinger 1999, S. 954; Sauer 1995, S. 8-12; Lenz 1996.

[13] Jansen 2007, S. 75-88; Plath 2004, S. 319-321; Brüggemann 1995, S. 456-459; Karjahärm 1995; Pistohlkors 2005.

[14] Deutinger 1999, S. 947f, 953f; Sauer 1995; Wilhelmi 2008, S. 33f.

[15] Deutinger 1999, S. 955-958.

[16] Filaretow 2008, S. 16.

[17] Vgl. Neander, Sakson 2010; Bosse 2008; Wilhelmi 2008, S. 35f, 38f, 312f; Hehn 1982.


Literatur:

Bosse 2008: Lars Bosse: Vom Baltikum in den Reichsgau Wartheland. In: Michael Garleff (Hg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Band 1. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage, Köln, Weimar, Wien 2008, S. 297-387

Brüggemann 1995: Karsten Brüggemann: Von der führenden Schicht zur nationalen Minderheit. Zur Klärung der Rolle der estländischen deutschen Minderheit bei der Begründung der Republik Estland 1918-1919. In: Nordost-Archiv 4/1995, S. 453-479

Deutinger 1999: Stephan Deutinger: Die baltischen Länder: Estland, Lettland, Litauen (mit Memelgebiet). In: Walter Ziegler (Hg.): Die Vertriebenen vor der Vertreibung. Die Heimatländer der deutschen Vertriebenen im 19. und 20. Jahrhundert: Strukturen, Entwicklungen, Erfahrungen. Stuttgart 1999, S. 939-997

Filaretow 2008: Bastian Filaretow: Die Baltische Brüderschaft. Wider den Zeitgeist? In: Michael Garleff (Hg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Band 1. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage, Köln, Weimar, Wien 2008, S. 11-50

Garleff 1987: Michael Garleff: Dorpat als Universität der baltischen Provinzen im 19. Jahrhundert. In: Gert von Pistohlkors (Hg.): Die Universitäten Dorpat Tartu, Riga und Wilna Vilnius 1579-1979. Beiträge zu ihrer Geschichte und ihrer Wirkung im Grenzbereich zwischen West und Ost. Köln 1987, S. 143-150

Garleff 2007: Michael Garleff: Loyalität in der Krise. Deutschbalten während des Ersten Weltkrieges. In: Alfred Eisfeld, Victor Herdt, Boris Meissner (Hg.): Deutsche in Russland und in der Sowjetunion 1914-1941. Berlin 2007, S. 27-39

Hehn 1982: Jürgen von Hehn: Die Umsiedlung der baltischen Deutschen - das letzte Kapitel baltisch-deutscher Geschichte. Marburg 1982

Jansen 2007: Ea Jansen: Das "Baltentum", die Deutschbalten und die Esten. In: Forschungen zur baltischen Geschichte 2/2007, S. 71-111

Kahk 1999: Juhan Kahk: Bauer und Baron im Baltikum. Versuch einer historisch-phänomenologischen Studie zum Thema Gutsherrschaft in den Ostseeprovinzen. Tallin 1999

Karjahärm 1995: Toomas Karjahärm: Das estnisch-deutsche Verhältnis und die Russische Revolution von 1905. In: Nordost-Archiv 4/1995, S. 431-451

Lenz 1996: Wilhelm Lenz: Deutsche Siedlungspläne im Baltikum während des Ersten Weltkrieges. In: Ortwin Pelc, Gertrud Pickhan (Hg.): Zwischen Lübeck und Novgorod - Wirtschaft, Politik und Kultur im Ostseeraum vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Lüneburg 1996, S. 391-406

Meyer 1996: Klaus Meyer: Wie deutsch war die Universität Dorpat? In: Ortwin Pelc, Gertrud Pickhan (Hg.): Zwischen Lübeck und Novgorod - Wirtschaft, Politik und Kultur im Ostseeraum vom frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Lüneburg 1996, S. 353-361

Neander, Sakson 2010: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Marburg 2010

Pistohlkors 2005: Gert von Pistohlkors: Ursprung und Entwicklung ethnischer Minderheiten in der baltischen Region im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In: Gert von Pistohlkors, Matthias Weber (Hg.): Staatliche Einheit und nationale Vielfalt im Baltikum. Festschrift für Michael Garleff zum 65. Geburtstag. München 2005, S. 13-35

Plath 2004: Ulrike Plath: Untergang oder Reform? Die Deutschen im Baltikum des 19. Jahrhunderts. In: Jan Hecker-Stampehl, Aino Bannwart, Dörte Breckenfeld, Ulrike Plath, (Hg.): Perceptions of Loss, Decline and Doom in the Baltic Sea Region. Untergangsvorstellungen im Ostseeraum. Berlin 2004, S. 299-323

Sauer 1995: Bernhard Sauer: Die Baltikumer. Berlin 1995

Ungern-Sternberg 2006: Armin von Ungern-Sternberg: Perpetuierte Geschichte. Baltische Barone, Bauern und andere rhetorische Figuren. In: Peter Oliver Loew, Christian Pletzing, Thomas Serrier (Hg.): Wiedergewonnene Geschichte. Zur Aneignung von Vergangenheit in den Zwischenräumen Mitteleuropas. Wiesbaden 2006, S. 225-249

Wilhelmi 2008: Anja Wilhelmi: Lebenswelten von Frauen der deutschen Oberschicht im Baltikum (1800-1939). Eine Untersuchung anhand von Autobiografien. Wiesbaden 2008

Zägel 2007: Jörg Zägel: Vergangenheitsdiskurse in der Ostseeregion. Band 2. Die Sicht auf Krieg, Diktatur, Völkermord, Besatzung und Vertreibung in Russland, Polen und den baltischen Staaten. Berlin 2007



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