Lexika und Dokumentationen

Ereignisreiche Tage in Winterberg [1945]

Ereignisreiche Tage in Winterberg

Autor: H. St.

Quellenbeschreibung: Erinnerungsbericht/Tagebuch

Entstehungsort und -zeit: Winterberg, 06.04.-19.05.1945

Zeitraum der Schilderung: 06.04.-19.05.1945

Personen: Rupprecht Gerngross (1915-1996), Offizier, Initiator der "Freiheitsaktion Bayern"

Schlagworte: Besatzung, Flüchtlinge, Kriegsende, sowjetische Kriegsgefangene, Plünderungen, Tieffliegerangriffe, Verhaftungen

Geographische Schlagworte: Tschechoslowakei, Sudetenland, Böhmerwald, Winterberg (Böhmen)

Konkordanz: Winterberg → Vimperk, Tschechoslowakei

Fundort: Archiv des Böhmerwaldmuseums Passau; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3663-Archiv-des-Boehmerwaldmuseums-Passau.html

Editionsmodus: vollständiges Transkript

Inhalt:

Der Autor berichtet von den letzten Kriegstagen in seiner Heimatstadt Winterberg. Er beschreibt die Durchreise zahlreicher Flüchtlinge und die Vorbereitungen der Einwohner auf den Einmarsch der Amerikaner. Der kampflosen Übergabe des Ortes, an der Herr St. als Dolmetscher beteiligt war, räumt er breiten Raum ein. Die Passagen zu den ersten Tagen unter Besatzungsherrschaft fallen kürzer aus und behandeln vor allem Plünderungen und Umquartierungen.

Einordnung/Kommentar:

Von einer Verwandten des Autors, wahrscheinlich einer Nichte, wurde auch ein Text aus dem Jahr 1938 in die Edition aufgenommen, in dem sie den "Anschluss" ihrer Heimat, des Sudetenlandes, an das Deutsche Reich beschreibt (Link). Die damals verbreitete Euphorie findet sich - angesichts der völlig veränderten politischen und militärischen Situation wenig überraschend -im Bericht ihres Onkels nicht wieder. Sie ist einer Art Sarkasmus gewichen. Während Frau St. beispielsweise die seinerzeit militärisch sinnlose Einrichtung eines Freikorps 1938 noch beinahe ehrfürchtig betrachtet und davon spricht, dass Geschichte nun Wirklichkeit werde, spricht Herr St. vom Volkssturm nur mit Spott und bezeichnet ihn als "Volksrummel". Dabei versuchte die nationalsozialistische Propaganda vehement, den Volkssturm gerade durch historische Reminiszenzen populär zu machen und so in der deutschen Bevölkerung noch einmal Widerstandsgeist zu wecken. Der Volkssturm sei eine Levée en masse wie 1813, als sich das deutsche Volk aus der totalen Niederlage heraus erfolgreich gegen Napoleon erhoben habe, so die Goebbelssche Interpretation des Versuchs, mit schlecht ausgerüsteten Jugendlichen, Behinderten und alten Männern die Kriegswende herbeizuführen. Selbst die wenigen Worte, die St. dieser großangelegten Aktion widmet, zeigen, dass diese Propaganda auch in Regionen, die bisher von direkten Kriegseinwirkungen verschont geblieben waren[1], nicht mehr verfing. Der Volkssturm erlangte schließlich trotz hoher Verluste auch kaum militärische Relevanz.[2]

Ähnliches gilt für den Bau von Verteidigungsstellungen, mit denen die Nationalsozialisten die Alliierten an den Reichsgrenzen und dahinter aufhalten wollten. Wie vom Autor beschrieben, wurden weite Teile der Bevölkerung, auch die Frauen, unter großem propagandistischem Aufwand zum Bau von eher improvisierten Anlagen herangezogen, ohne dass diese Bauten schließlich in der Lage gewesen wären, den Vormarsch der Alliierten zu behindern. In Ostpreußen begann dieser Stellungsbau bereits im Juni 1944, im Reichsgau Sudetenland erst im März des folgenden Jahres.[3] Bezeichnend ist allerdings, dass der Bau dieser Stellungen vor allem an der Ostfront vorangetrieben wurde, wo auch der Volkssturm in größerem Maße und mit weitaus höheren Verlusten als im Westen eingesetzt wurde. Die durch Propaganda geschürte Furcht vor der Roten Armee veranlasste hier die NS-Führung ebenso wie die Bevölkerung zu verzweifelten Maßnahmen, von Kämpfen, in denen viele Städte völlig zerstört wurden, bis zur Flucht durch Eis und Schnee. Stand jedoch der Einmarsch der Westalliierten bevor, so waren oft Szenarien zu beobachten, wie sie auch Herr St. beschreibt - couragierte Bürger und oft auch Funktionsträger versuchten, ihre Heimat kampflos der US Army zu übergeben.[4]

Die amerikanischen Einheiten, die bis zu einer Linie Karlsbad/KarlovyVary-Pilsen/Plzeň-Budweis/ČeskéBudějovice vorrückten, wurden ohne Furcht empfangen, was sich auch in den Vorbereitungen auf deren Einmarsch zeigt. Obwohl Flüchtlingstransporte den Ort passierten und damit vom Schicksal der Deutschen, die weiter im Osten lebten, anschaulich Nachricht brachten, reisten nur wenige Personen, wohl vor allem ältere Menschen und Mütter mit Kindern, in vermeintlich sicherere Regionen. Die meisten Bewohner bereiteten sich nur darauf vor, eventuell im Ort stattfindende Kampfhandlungen unbeschadet zu überstehen - sie brachten Wertgegenstände in Sicherheit und flüchteten selbst mit sehr wenig Gepäck und Verpflegung für einige Tage in den Wald. Eine größere Fluchtbewegung wurde nicht erwogen, niemand rechnete damit, seinen Wohnort langfristig verlassen zu müssen.[5]

Bei dem von Herrn St. erwähnten "Putsch" des Hauptmanns Gerngross handelt es sich um die sogenannte Freiheitsaktion Bayern, mit welcher der Chef der Dolmetscher-Kompanie des Wehrkreises VII in München, Hauptmann der Reserve Rupprecht Gerngross, und einige Helfer in der Nacht vom 27. auf den 28. April 1945 vergeblich versuchten, mit Hilfe von ihnen besetzter Radiosender in Bayern den Sturz des NS-Regimes herbeizuführen.[6]

Das von St. ebenfalls genannte "Angebot" Himmlers hatte der Reichsführer SS ohne Absprache mit Hitler am 23./24. April 1945 durch den Vizepräsidenten des Schwedischen Roten Kreuzes, Graf Folke Bernadotte, den Westalliierten überbringen lassen. Himmler bot diesen die Kapitulation der deutschen Truppen an der Westfront an, an der Ostfront sollte - letztlich gemeinsam mit den Westalliierten - weiter gegen die Sowjetunion gekämpft werden. Die Alliierten, die sich ohnehin grundsätzlich auf eine deutsche Gesamtkapitulation ohne jegliche Vorbedingungen festgelegt hatten, waren nicht bereit, mit Himmler zu verhandeln, denn sie kannten seine Rolle im Dritten Reich, seine Verbrechen wurden ihnen gerade durch die Befreiung der Konzentrationslager deutlich vor Augen geführt. Stattdessen nutzten die Alliierten Himmlers Initiative, um einen Keil in die NS-Führung zu treiben: Sie veröffentlichten Himmlers Offerte am 29. April, eine Nachricht, die, wie der Bericht zeigt, auch tatsächlich die Deutschen erreichte. Hitler erklärte Himmler daraufhin in seinem "politischen Testament", das er kurz vor seinem Selbstmord am 30. April 1945 verfasste, zum Verräter, stieß ihn aus der Partei aus und enthob ihn aller seiner Staatsämter.[7]

Herr St. war über das politische Geschehen also bis zum Einmarsch der Amerikaner gut unterrichtet. Danach kam ihr durch ihre Dolmetschertätigkeit eine herausgehobene Stellung zu, allerdings waren viele Deutsche mit Englischkenntnissen in derartigen Positionen tätig. Auch die Räumung ihres Hauses war nicht ungewöhnlich - St. gehörte einer der wohlhabendsten Familien Winterbergs an, sein Haus stellte daher für die Amerikaner ein komfortables Quartier dar. Die "wilden Vertreibungen" durch Tschechen in anderen Orten waren für die Betroffenen mit weit größeren Härten verbunden, im amerikanischen Besatzungsgebiet verlief das Leben hingegen in relativ normalen Bahnen.[8]


[1] Zimmermann 2001, S. 174.

[2]Zimmermann 2001, S. 186.

[3] Zimmermann 2001, S. 181.

[4] Zimmermann 2001, S. 184-187.

[5] Vgl. Zimmermann 2001, S. 180, 185.

[6] Kershaw 2011, S. 470.

[7]Longerich 2008, S. 745-751.

[8]Staněk 2002, S. 71-79, 91-114, 126-176; Wiedemann 2007, S. 240-248; Alexander 1997, S. 95.

Literatur:

Alexander 1997: Manfred Alexander: Kriegsfolgen und die Aussiedlung der Deutschen. In: Robert Maier (Hg.): Tschechen, Deutsche und der Zweite Weltkrieg. Von der Schwere geschichtlicher Erfahrungen und der Schwierigkeit ihrer Aufarbeitung. Hannover 1997, S. 95-104

Kershaw 2011: Ian Kershaw: Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45. 3. Auflage, München 2011

Longerich 2008: Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie. München 2008

Staněk 2002: Tomáš Staněk: Verfolgung 1945. Die Stellung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien (außerhalb der Lager und Gefängnisse). Wien 2002

Zimmermann 2001: Volker Zimmermann: Der "Reichsgau Sudetenland" im letzten Kriegsjahr. In: Jörg K. Hoensch (Hg.): Begegnung und Konflikt. Schlaglichter auf das Verhältnis von Tschechen, Slowaken und Deutschen 1815-1989. Beiträge aus den Veröffentlichungen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission. Essen 2001, S. 173-190




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