Lexika und Dokumentationen

Der zweite böhmische Krieg, gesehen aus der Hasenperspektive [Winterberg, 1938]

Der zweite böhmische Krieg, gesehen aus der Hasenperspektive

Autorin: Frau H. St.

Quellenbeschreibung: Erinnerungsbericht

Entstehungsort und -zeit: Winterberg, 15.10.1938

Entstehungszusammenhang: Die Autorin möchte ihren Freunden auf deren mannigfache Nachfragen hin von den Ereignissen "in den letzten 4 Wochen" berichten.

Zeitraum der Schilderung: 04.09.1938-15.10.1938

Personen: Konrad Henlein (1898-1945), Führer der Sudetendeutschen Partei, Gauleiter des Reichsgaus Sudetenland[1]

Schlagworte: "Anschluss" des Reichsgaus Sudetenland an das Deutsche Reich

Geographische Schlagworte: Tschechoslowakei, Reichsgau Sudetenland, Böhmerwald, Winterberg (Böhmen)

Konkordanz: Winterberg → Vimperk

Fundort: Archiv des Böhmerwaldmuseums Passau; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3663-Archiv-des-Boehmerwaldmuseums-Passau.html

Editionsmodus: Vollständiges Digitalisat, Vollständiges Transkript

Inhalt:

Die Autorin berichtet von der angespannten Stimmung im deutsch-tschechischen Grenzgebiet unmittelbar vor dem Münchner Abkommen vom 29./30. September 1938 und der wenige Tage danach erfolgten Besetzung Winterbergs durch deutsche Truppen. Sie ist sehr bemüht, die Bedrohung der Sudetendeutschen durch die Tschechen hervorzuheben, ohne dass sie in größerem Maße konkrete Vorfälle nennen könnte. Sie skizziert große Unzufriedenheit und Angst aufgrund des Umgangs der tschechischen Behörden mit den Sudetendeutschen, die deshalb das Münchner Abkommen und die Besetzung durch deutsche Truppen als Befreiung empfunden hätten. Die Vorbereitungen des festlichen und begeisterten Empfangs für die Wehrmacht beschreibt sie ebenso detailliert wie das Defilee der Truppen selbst.

Einordnung/Kommentar:

Die Autorin gehörte der deutschen Oberschicht Winterbergs an. Ihre Familie betrieb in der Kleinstadt einen international tätigen Verlag und engagierte sich sozial.[2] Im September 1938 formuliert die Autorin eine euphorisch pro-deutsche Haltung, wie sie zu diesem Zeitpunkt bei einem großen Teil der so genannten Sudetendeutschen zu beobachten war. Mit der Gründung der Tschechoslowakei waren insbesondere in überwiegend deutsch besiedelten, meist grenznahen Regionen Spannungen zwischen Minderheitenvertretern und den Repräsentanten des auf seinem tschechoslowakischen Charakter beharrenden jungen Nationalstaats entstanden. Die Weltwirtschaftskrise sowie das Erstarken und das aggressive außenpolitische Auftreten Deutschlands nach der Machtübernahme Hitlers verstärkten dies. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 schien nun für die Deutschen in der Tschechoslowakei ebenso wie für die Tschechen eine Weichenstellung für die weitere Entwicklung zu sein. Während die tschechoslowakische Regierung Deutschland und die Deutschen im eigenen Land mit Misstrauen beobachtete, forderte die Sudetendeutsche Partei, die stark am Nationalsozialismus orientierte stärkste politische Kraft unter den Sudetendeutschen, zumindest eine weitreichende Autonomie.[3]

Vor diesem Hintergrund und angesichts für die tschechoslowakische Regierung ungünstiger diplomatischer Entwicklungen Ende April 1938[4] gerieten, wie von der Autorin angedeutet, die Mai-Veranstaltungen des Jahres 1938 zu einer Demonstration sudetendeutschen Selbstbewusstseins. Die tschechische Regierung hatte für diesen Tag das Verbot öffentlicher Kundgebungen aufgehoben[5], was die Sudetendeutsche Partei ausnutzte. Die überschwängliche Stimmung war jedoch nicht von langer Dauer. Am 20./21. Mai 1938 mobilisierte die tschechoslowakische Regierung aufgrund von Meldungen über angebliche deutsche Truppenbewegungen ihre Armee[6], in den Randgebieten der Tschechoslowakei wurden das öffentliche Leben scharf überwacht. Bei einem Zwischenfall wurden zwei Sudetendeutsche, die sich nicht kontrollieren lassen wollten, erschossen - der "erste böhmische Krieg", von dem Frau St. spricht. Die staatlichen Maßnahmen zeigten Wirkung, die Welle der Euphorie unter den Sudetendeutschen verebbte.[7]

Dennoch gelang es der Sudetendeutschen Partei, bei den Gemeindewahlen Ende Mai, Anfang Juni 1938 in den überwiegend deutsch besiedelten Gebieten zwischen 75 und 85 Prozent der Stimmen zu gewinnen.[8] Den ganzen Sommer über provozierte sie die tschechoslowakischen Behörden.[9] Die von Frau St. erwähnte Hitlerrede während des NSDAP-Reichsparteitags am 12. September 1938 war Teil dieser Versuche eine Eskalation herbeizuführen und damit einen Anlass für deutsches Eingreifen zu schaffen. Die Wirkung der Rede war unter der deutschen Minderheit durch diverse Aktionen der Sudetendeutschen Partei vorbereitet worden, auch in Winterberg kam es zu mehreren größeren Demonstrationen.[10] Die Versuche der Sudetendeutschen Partei, in den folgenden Tagen neben den gewählten Gemeinderäten durch einen regionalen Staatsstreich auch noch die zentralstaatlichen Institutionen im Sudetenland zu übernehmen, scheiterten aber am entschlossenen Handeln der Prager Regierung.[11] Eine größere gewaltsame Auseinandersetzung von Mitgliedern der Sudetendeutschen Partei mit Polizisten führte schließlich dazu, dass der Führer der Partei, Konrad Henlein, Hitler ganz im Sinne der deutschen Außenpolitik um Hilfe bat, woraufhin dieser der Gründung eines Sudetendeutschen Freikorps zustimmte.[12] Ein Vorläufer, der "Freiwillige deutsche Schutzdienst" der Sudetendeutschen Partei, existierte allerdings bereits seit dem Frühjahr 1938. Dieser Schutzdienst hatte als eine Art Terrororganisation immer wieder tschechoslowakische Sicherheitskräfte angegriffen.[13]

Frau St. beschreibt die Schutzmaßnahmen, mit denen sich die Sudetendeutschen auf befürchtete Übergriffe vorbereiten wollten. Ihre Schilderung macht deutlich, dass sie keineswegs auf das genannte Freikorps vertrauten, das in der Realität weniger eine Miliz zum Schutz der deutschen Bevölkerung denn eine Guerilla-Einheit war, die Reaktionen des Staates provozieren sollte.[14] Die Menschen vor Ort glaubten, sich durch Flucht und improvisierte Maßnahmen selbst helfen zu müssen, obwohl die Gewalt in den vergangenen Monaten zu einem guten Teil von deutschen Aktivisten ausgegangen war.[15] Frau St.s Schilderung zeigt allerdings auch den Symbolwert, den Bezugnahmen auf Freikorps in der deutsch-tschechischen und der deutsch-polnischen Grenzregion seit den Kämpfen um den Annaberg in Oberschlesien besaßen. Wie zu Zeiten der Volksabstimmung in Folge des Versailler Vertrages wurde die Staatszugehörigkeit einer Grenzregion zu einem Kampf auf Leben und Tod stilisiert.[16]

Vor diesem Hintergrund spricht Frau St. selbst davon, dass "Gerüchten und Schauermärchen Tür und Tor geöffnet" gewesen seien, gibt dann aber selbst Berichte von Ausschreitungen wieder, die sie nur vom Hörensagen kennt. Den Maßnahmen der Behörden attestiert sie, sie seien aufgrund deutscher Vorsichtsmaßnahmen fast alle ins Leere gelaufen. Allerdings übersieht sie, dass viele Sudetendeutsche den Mobilmachungsbefehlen der tschechoslowakischen Regierung am 23. September 1938 Folge leisteten und nicht, wie von ihr beschrieben, vor der Einberufung flüchteten.[17] Da sie zudem nichts von deutschen Aktionen gegen Tschechen oder tschechoslowakische Behörden berichtet, entsteht so das Bild einer unterdrückten Bevölkerung, die ihrer Befreiung entgegenfieberte - was tatsächlich der damaligen Stimmung unter den Sudetendeutschen entsprach.[18] Zugleich zeigt Frau St.s Bemerkung "Ein ganz großer positiver Wert dieser allerschwersten letzten Tage ist der unbedingte, innerliche Zusammenschluss aller Deutschen in Winterberg ohne Unterschied. Das war Nationalsozialismus in des Wortes schönster, edelster Bedeutung!" darauf schließen, dass sie - wie die meisten (Sudeten-)Deutschen[19] -dem Propagandabild des Dritten Reiches aufsass, . Diese Sichtweise ebenso wie die Furcht vor einem - offenbar soeben abgewendeten - Krieg trug dazu bei, dass Frau St. wie die meisten Sudetendeutschen den Einmarsch der deutschen Truppen zwischen dem 1. und dem 10. Oktober 1938 so euphorisch begrüßte, wie dies aus Frau St.s Bericht abzulesen ist. Die Begeisterung war echt, dies ist vielfach bezeugt.[20] Die Schattenseiten des deutschen Einmarschs, die Verfolgung der Gegner des Dritten Reichs und vieler Tschechen[21], spielen in Frau St.s Bericht vom 15. Oktober keine Rolle.


[1] Gebel 2000.

[2] http://www.vimperk.cz/103/de/normal/; Zugriff am 20.03.2012;.

[3] Röhr 2008, S. 29-33.

[4] Hoensch 1992, S. 85.

[5] Brandes 2008, S. 131.

[6] Hoensch 1992, S. 86.

[7] Brandes 2008, S. 122-158.

[8] Gebel 2000, S. 57; Kučera 2007, S. 142.

[9] Röhr 2008, S. 56-58; Kučera 2007, S. 145f.

[10] Röhr 2008, S. 58-60, 112-114.

[11] Röhr 2008, S. 61-63.

[12] Gebel 2000, S. 54; Kučera 2007, S. 145f.

[13] Röhr 2008, S. 40f, 58f.

[14] Röhr 2008, S. 67-69.

[15] Vgl. Röhr 2008, passim; Zimmermann 2004, S. 238.

[16] Vgl. Haubold 2006; Haubold-Stolle 2008; Dies. 2009; Madjczyk 2001; Struve 2003; Ther 2003; Tooley 1997.

[17] Hoensch 1992, S. 93.

[18] Zimmermann 2004, S. 232f.

[19] Vgl. Gebel 2000, S. 66.

[20] Gebel 2000, S. 64-68; Zimmermann 2004, S. 234.

[21] Vgl. Gebel 2000, S. 69-80; Röhr 2008, S. 67-86.

Literatur:

Brandes 2008: Detlef Brandes: Die Sudentendeutschen im Krisenjahr 1938. München 2008

Gebel 2000: Ralf Gebel: „Heim ins Reich!“ Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938–1945). München 2000

Haubold 2006: Juliane Haubold: Der Gipfel der Symbolik. Der Sankt Annaberg als Verkörperung Oberschlesiens. In: Peter Oliver Loew, Christian Pletzing, Thomas Serrier (Hg.): Wiedergewonnene Geschichte. Zur Aneignung von Vergangenheit in den Zwischenräumen Mitteleuropas. Wiesbaden 2006, S. 347–362

Haubold-Stolle 2008: Juliane Haubold-Stolle: Mythos Oberschlesien. Der Kampf um die Erinnerung in Deutschland und in Polen 1919–1956. Osnabrück 2008

Hoensch 1997: Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 3., verbesserte und erweiterte Auflage, Stuttgart 1992

Kučera 2007: Jaroslav Kučera: 1933: Der Einfluss der nationalsozialistischen Machtergreifung. In: Brandes, Detlef (Hg.): Wendepunkte in den Beziehungen zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken 1848–1989. Essen 2007, S. 137–150

Madajczyk 2001: Piotr Madajczyk: Oberschlesien zwischen Gewalt und Frieden. In: Philipp Ther, Holm Sundhausen (Hg.): Nationalitätenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inter-ethnischer Gewalt im Vergleich. Wiesbaden 2001, S. 147–162

Röhr 2008: Werner Röhr: September 1938. Die Sudetendeutsche Partei und ihr Freikorps. Berlin 2008

Struve 2003: Kai Struve (Hg.): Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. Studien zum nationalen Konflikt und seiner Erinnerung. Marburg 2003

Ther 2003: Philipp Ther: Der Zwang zur nationalen Eindeutigkeit und die Persistenz der Region: Oberschlesien im 20. Jahrhundert. In: Ders. (Hg.): Regionale Bewegungen und Regionalismen in europäischen Zwischenräumen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts; Marburg 2003, S. 233–257

Tooley 1997: T. Hunt Tooley: National Identity and Weimar Germany. Upper Silesia and the Eastern Border 1981–1922. Lincoln, London 1997

Zimmermann 2004: Volker Zimmermann: Sudetendeutsche Perspektiven auf den Nationalsozialismus. Einstellungen und Wertungen von der NS-Zeit bis heute. In: Monika Glettler (Hg.): Geteilt, besetzt, beherrscht. Die Tschechoslowakei 1938–1945. Reichsgau Sudetenland, Protektorat Böhmen und Mähren, Slowakei. Essen 2004, S. 229–248

http://www.vimperk.cz/103/de/normal/; Zugriff am 20.03.2012

http://www.vimperk.cz/27/de/normal/touristik/?artid=442&lang=de&mode=normal; Zugriff 20.03.2012


Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
Johann-Justus-Weg 147a | 26127 Oldenburg
Telefon: +49 441 96 19 5-0 | Fax: +49 441 96 19 5-33 | E-Mail: bkge@bkge.uni-oldenburg.de