Lexika und Dokumentationen

Der Schicksalsweg der Bessarabiendeutschen [1940-1945]

Der Schicksalsweg der Bessarabiendeutschen

Autorin: Irmgart Sch., geb. um 1950

Quellenbeschreibung: Schulaufsatz, Durchschlag des maschinenschriftlichen Manuskripts (das Original enthielt offenbar auch Fotografien, die nicht erhalten sind), 48 Seiten

Entstehungszeit und -zusammenhang: Der Bericht entstand 1967 als Jahresarbeit für die 10. Klasse einer Realschule, das Thema war den Schülern freigestellt.

Zeitraum der Schilderung: 1940-1945

Geographische Schlagworte: Bessarabien, Leipzig (Bessarabien), Leipzig (Sachsen), Rumänien, Ukraine, Warthegau

Konkordanz: Leipzig (Bessarabien) → Серпневе/Serpnewe, Ukraine; Reni → Рені/Reni, Ukraine; Semlin → Земун/Zemun, heute Stadtteil Belgrads → Београд/Beograd, Serbien; Prohovo → Прахово/Prahovo, Serbien; Galatz → Galaţi, Rumänien; Litzmannstadt → Łódź, Polen

Fundort: Bessarabiendeutscher Verein, Hannover; http://www.bkge.de/Projekte/Zeitzeugenberichte/Repertorium/Institutionen/3665-Bessarabiendeutscher-Verein-e.V.-Geschaeftsstelle-Nord.html

Editionsmodus: Digitalisat[Auszug]

Inhalt:

Die Autorin berichtet von der Umsiedlung der Bessarabiendeutschen aus dem Dorf Leipzig in den Warthegau. Sie beschreibt kursorisch die Lebensbedingungen unter sowjetischer Besatzung, welche die Bewohner Leipzigs bewogen, den Umsiedlungsaufrufen zu folgen und ihre Heimat zu verlassen. Sie nennt die einzelnen Stationen der Fahr- bzw. Treckwege, schildert aber keine Einzelheiten. Auch die Namen der Zielorte im Warthegau nennt sie nicht. Während ihre Schilderung des Alltagslebens im Warthegau sehr unspezifisch bleibt, betont sie stark die moralischen Skrupel der Umsiedler angesichts der Vertreibung der Polen. Die Flucht vor der Roten Armee 1945 erwähnt Frau Sch. nur, ohne auf Details einzugehen.

Einordnung/Kommentar:

Der Aufsatz Frau Sch.'s ist beispielhaft für das Bemühen um Tradierung der Erinnerung an die alte Heimat an die nachfolgenden Generationen. Frau Sch. wurde bereits in Westdeutschland geboren und kennt die Heimat ihrer Mutter ebenso wie deren Migrationsgeschichte nur aus Erzählungen. Dennoch fühlt sie sich offenbar nicht ganz als im Westen "Einheimische", sondern hat eine zwar stark im Flüchtlingsmilieu verwurzelte, aber dennoch eine eigene Identität zwischen alter und neuer Heimat der Elterngeneration entwickelt. Sie definiert sich selbst nicht mehr als Bessarabiendeutsche, steht der Region aber positiv gegenüber und möchte dies an die "Einheimischen" in Westdeutschland, die sie für völlig uninformiert hält, transportieren. Ebenso hat sie das Gefühl vieler Flüchtlinge, dass ihre kulturellen wie wirtschaftlichen Leistungen in der alten Heimat nicht ausreichend gewürdigt würden, verinnerlicht und möchte dem entgegenwirken.

Tatsächlich stand die Erinnerung an die Umsiedlung der verschiedenen deutschen Volksgruppen während des Zweiten Weltkriegs durch deutsche Behörden im öffentlichen Erinnern der Nachkriegszeit völlig im Schatten des Gedenkens an Flucht und Vertreibung am Kriegsende.[1] Die Nationalsozialisten führten diesen Krieg auch, um eines ihrer zentralen ideologischen Ziele, den "Lebensraum im Osten", zu erobern. Die 1939 eroberten polnischen Gebiete schienen zu diesem Zeitpunkt dieser Lebensraum zu sein. Die in Ost- und Südosteuropa verstreuten "Volksdeutschen" sollten die Siedler sein, welche den "Lebensraum" "germanisierten".[2] Die Reichsregierung schloss deshalb mit verschiedenen Regierungen Umsiedlungsverträge, welche die Ausreise der jeweiligen deutschen Minderheit regelten.[3] Die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen wurde im geheimen Zusatzprotokoll des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags (Ribbentrop-Molotow-Vertrag) geregelt, obwohl Bessarabien von 1918 bis Juni 1940 zu Rumänien gehörte. Dann hatte die Sowjetunion die Region mit Hinweis auf deren historische Zugehörigkeit zu Russland annektiert und damit begonnen, Wirtschaft und Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild umzugestalten.[4]

Frau Sch. beschreibt diesen Abschnitt der Geschichte und übernimmt dabei die Erzählungen ihrer Familie, aus der in ihrer gedrängten Form Stereotypen der Propaganda aus der Umsiedlungszeit deutlich werden. So spiegeln sich in der Behauptung, die deutschen Bauern hätten unter der Aufsicht ehemals wegen "kommunistischer Tätigkeit" inhaftierter Juden arbeiten müssen, die antisemitischen Propagandabilder der deutschen wie der rumänischen nationalsozialistischen bzw. rechtsextremen Bewegungen[5]. Diese fanden, wie Frau Sch.'s Aufsatz zeigt, auch bei den Bessarabiendeutschen ab Mitte der 1930er Jahre vermehrt Eingang. [6]

Die Gründe, die die Bessarabiendeutschen bewegten, den Aufforderungen zur Umsiedlung folge zu leisten, werden aus dem Aufsatz deutlich. Sie dürften in Frau Sch.'s Geschichtsbild eine besondere Position eingenommen haben, da sie aufgrund der Erlebnisse der Elterngeneration sicherlich besonders breit kommuniziert wurden. Die seinerzeitige Unzufriedenheit der über Generationen selbständigen und oft wohlhabenden Bauern mit dem sowjetischen Besatzungsregime wird daher in Frau Sch.'s Aufsatz deutlich: Die Pflicht zur Ablieferung der Ernte ohne angemessene Gegenleistung sowie der Verlust der Selbständigkeit und des Viehs verärgerten die Bauern, hinzu kam die Furcht, dem stalinistischen Verfolgungsapparat zum Opfer zu fallen.[7] Mit wie großen Erwartungen die deutsche Umsiedlungskommission empfangen wurde, wird dadurch deutlich, dass offenbar ein Flugblatt oder Plakat mit dem Aufruf zur Umsiedlung aufbewahrt wurde, so dass die Autorin es 1967 zitieren konnte.

Ob die einzelnen Stationen der Umsiedlung in Frau Sch.'s Familie akribisch memoriert wurden, oder ob sie ihr Wissen aus anderen Quellen wie dem an anderer Stelle genannten Heimatkalender der Bessarabiendeutschen schöpfte, lässt sich nicht mehr entscheiden. Frau Sch. ist jedenfalls in der Lage, den seinerzeit von der Umsiedlungskommission festgelegten Weg korrekt zu beschreiben.[8] Auch die Einzelheiten, die sie vom Abschied, von der Reise und vom Leben in den Umsiedlerlagern nennt, decken sich mit anderen Berichten. Lediglich ihre Zahlenangabe ist zu korrigieren - 1940 wurden etwa 93.550 Bessarabiendeutsche und damit bis auf wenige Ausnahmen die gesamt Volksgruppe umgesiedelt.[9] Bezeichnend ist auch, dass sie den für viele Bessarabiendeutsche desillusionierenden Aufenthalt in den Umsiedlerlagern, über den in der Generation, von der Frau Sch. ihre Informationen bezog, noch lange nach Kriegsende nur ungern gesprochen wurde[10], nur äußerst knapp streift. Die Beschlagnahme von Wertgegenständen durch die sowjetischen Grenzkontrolleure - ebenfalls in großem Ausmaß verbürgt[11] - erwähnt sie hingegen.

Frau Sch. widmet in ihrer Beschreibung der Ansiedlung im Reichsgau Wartheland dem Schicksal der dortigen polnischen Bevölkerung breiten Raum. Die Polen wurden auf brutalste Weise vertrieben, um auf ihren Höfen "Volksdeutsche" anzusiedeln. Dies geschah kurzfristig vor der Ankunft der "volksdeutschen" Umsiedler, damit die kontinuierliche Bewirtschaftung der Höfe und die Versorgung des Viehs gewährleistet blieben. Viele Polen mussten als Arbeitskräfte auf ihren bisherigen Höfen bleiben, andere hielten sich dort illegal auf, da sich die deutschen Behörden nicht um eine menschenwürdige Unterbringung der polnischen Vertriebenen kümmerten. [12] Von den bessarabiendeutschen Umsiedlern, die häufig Brüdergemeinden angehörten, sind die von Frau Sch. beschriebenen Skrupel angesichts dieser Verhältnisse breit bezeugt.[13] Das Ende der Ansiedlung im "Warthegau", die Flucht der Bessarabiendeutschen vor der herannahenden Front im Januar 1945, streift Frau Sch. lediglich.[14]


[1] Hahn, Hahn 2010, S. 115-259.

[2] Ziółkowska 2010, S. 92f; Haar 2009; Esch 1998, S. 87-101, 128-165; Schmidt 2003, S. 199-223.

[3] Hecker 1971; Schwartz 2008, S. 533-543; Krzoska 2010, S. 66-68; Esch 1998, S. 21-46, 79-101, 128-165, 226-251, 324-364.

[4] Berindei 2008, S. 262-264; Schmidt 2003, S. 127-131; Balta 2005, S. 71-77; Hofbauer, Roman 1993, S. 85f; Schödel 1995, S. 614, 621; Jachomowski 1984, S. 68f.

[5] Schroeder 2012, S. 314ff.

[6] Schmidt 2003, S. 82f, 88f, 97-100; Balta 2005, S. 73.

[7] Schmidt 2003, S. 83f, 110, 134-141; Roth 2010, S. 13-20; Rutowska 2010; Krzoska 2010, S. 76-78; Ziółkowska 2010; Haar 2009, S. 46-51; vgl. Hahn, Hahn 2010, S. 178.

[8] Vgl. Schmidt 2003, S. 127-158; Schödl 1995, S. 622.

[9] Kolar 1997, S. 187; Jachomowski 1984, S. 247.

[10] Schmidt 2003, S. 358.

[11] Vgl. Schmidt 2003, S. 148, 160-162.

[12] Vgl. Madajczyk 1988, S. 430; Rutowska 2010, S. 46-50; Ziółkowska 2010, S. 96f; Esch 1998, S. 21-46, 79-101, 128-165, 226-251, 331-339, 324-406; Schwartz 2008, S. 543-551; Schmidt 2003, S. 176f, 199-209.

[13] Schmidt 2003, S. 234f, 241, 259-349, 370-386; Schwartz 2008, S. 537f; Krzoska 2010, S. 78-81.

[14] Schmidt 2003, S. 255-259.

Literatur:

Balta 2005: Sebastian Balta: Rumänien und die Großmächte in der Ära Antonescu (1940-1944). Stuttgart 2005

Berindei 2008: Dan Berindei: Die Bildung des rumänischen Nationalstaates (1866-1920). In:
Thede Kahl, Michael Metzeltin, Mihai-Răzvan Ungureanu (Hg.): Rumänien. Raum und Bevölkerung Geschichte und Geschichtsbilder Kultur Gesellschaft und Politik heute Wirtschaft Recht und Verfassung Historische Regionen. 2 Teilbände. 2. Auflage, Wien 2008, S. 251-264

Esch 1998: Michael G. Esch: "Gesunde Verhältnisse". Deutsche und polnische Bevölkerungspolitik in Ostmitteleuropa 1939-1950. Marburg 1998

Haar 2009: Ingo Haar: Inklusion und Genozid: Raum- und Bevölkerungspolitik im besetzten Polen 1939 bis 1944. In: Mathias Beer, Dietrich Beyrau, Cornelia Rauh (Hg.): Deutschsein als Grenzerfahrung. Minderheitenpolitik in Europa zwischen 1914 und 1950. Essen 2009, S. 35-60

Hahn, Hahn 2010: Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn 2010

Hecker 1971: Hellmuth Hecker (Hg.): Die Umsiedlungsverträge des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges. Frankfurt/Main 1971

Hofbauer, Roman 1993: Hannes Hofbauer, Viorel Roman: Bukowina, Bessarabien, Moldawien. Vergessenes Land zwischen Westeuropa, Russland und der Türkei. Wien 1993

Jachomowski 1984: Dirk Jachomowski: Die Umsiedlung der Bessarabien-, Bukowina- und Dobrudschadeutschen. Von der Volksgruppe in Rumänien zur "Siedlungsbrücke" an der Reichsgrenze. München 1984

Kolar 1997: Othmar Kolar: Rumänien und seine nationalen Minderheiten 1918 bis heute. Wien 1997

Krzoska 2010: Markus Krzoska: Volksdeutsche im Warthegau. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 66-82

Madajczyk 1988: Czesław Madajczyk: Die Okkupationspolitik Nazideutschlands in Polen 1939-1945. Köln 1988

Rutowska 2010: Maria Rutowska: Die Aussiedlung von Polen und Juden aus den in das Dritte Reich eingegliederten Gebieten ins Generalgouvernement in den Jahren 1939-1941. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 43-51

Schlarb 2007: Cornelia Schlarb: Tradition im Wandel. Die evangelisch-lutherischen Gemeinden in Bessarabien 1814 - 1940 (Studia Transsylvanica, 35). Köln, Weimar, Wien 2007

Schmidt 2003: Ute Schmidt: Die Deutschen aus Bessarabien. Eine Minderheit aus Südosteuropa 1814 bis heute. Köln, Weimar, Wien 2003

Schödl 1995: Günter Schödl: Lange Abschiede: Die Südostdeutschen und ihre Vaterländer (1918-1945). In: Ders. (Hg.): Land an der Donau (Deutsche Geschichte im Osten Europas). 1995

Schroeder 2012: Olga Schroeder: Die Deutschen in Bessarabien 1914 - 1940. Eine Minderheit zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Stuttgart 2012

Schwartz 2008: Michael Schwartz: III. Ethnische "Säuberung" als Kriegsfolge: Ursachen und Verlauf der Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung aus Ostdeutschland und Osteuropa 1941 bis 1950. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Band 10. Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Zweiter Halbband. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs. München 2008, S. 509-656

Ziółkowska 2010: Anna Ziółkowska: Die Situation der Polen im Warthegau. In: Eckhart Neander, Andrzej Sakson (Hg.): Umgesiedelt - vertrieben. Deutschbalten und Polen 1939-1945 im Warthegau. Beiträge einer Tagung am 16.-18. Oktober 2009 in Poznań (Posen) veranstaltet von der Deutsch-Baltischen Gesellschaft e.V. (Darmstadt) und dem Instytut Zachodni (Poznań). Marburg 2010, S. 92-100



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