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Die Observation der seit Ende der 1940er Jahre in der Bundesrepublik entstandenen Vertriebenenorganisationen und -institutionen durch die staatssozialistischen Länder des östlichen Europas (Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, DDR, Sowjetunion und Jugoslawien) ist Gegenstand einer Tagung, die im September 2021 im Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE) in Oldenburg als online Veranstaltung stattfinden wird. Im Anschluss an diese Konferenz werden ausgewählte Beiträge im Journal für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (JKGE) / Journal for Culture and History of the Germans in Eastern Europe als Themenausgabe publiziert.

Die Staaten des östlichen Europas, in denen vor 1939 deutsche Minderheiten gelebt hatten oder an die nach dem Zweiten Weltkrieg Gebiete des Deutschen Reiches übergegangen waren, beobachteten die politischen Aktivitäten der aus diesen Territorien geflohenen und vertriebenen Deutschen in der Bundesrepublik aufmerksam. Die meisten der von der Observation betroffenen Personen kamen aus Regionen, die nunmehr zu Polen und der Tschechoslowakei gehörten. In beiden Ländern hatte sich in der Zwischenkriegszeit das Zusammenleben mit der deutschen Minderheit problematisch gestaltet. Während des Zweiten Weltkrieges hatten Polen und Tschechen unter den Verbrechen der Nationalsozialisten gelitten, in die auch ‚Volksdeutsche' involviert waren. Die Forderungen der bundesdeutschen Vertriebenenverbände nach Gebietsrückgaben verstärkten die auf negativen Erfahrungen beruhenden Wahrnehmungen dieser Staaten. Somit handelte es sich um eine durch Misstrauen geprägte und ideologisch aufgeladene ‚Feindbeobachtung' im Ost-West-Konflikt.

Im Fokus des Projektes stehen die Methoden der Sammlung und Auswertung von Informationen über Vertriebenenorganisationen und -funktionäre durch die Nachrichtendienste. Darüber hinaus wird nach der Bedeutung gefragt, die Spitzenpolitiker der Staaten des östlichen Europas diesen Berichten beimaßen. Die staatlich gelenkten Medien einiger sozialistischer Länder nutzten die territorialen Forderungen der Vertriebenenverbände propagandistisch, um in der Bevölkerung Angst vor den Deutschen zu schüren. Wie bedroht fühlte sich die politische Führung jedoch tatsächlich durch diese Ansprüche? In diesem Zusammenhang ist auch nach Wandlungsprozessen in der Zeit zwischen 1949 und 1989 zu fragen: Wie reagierten die staatssozialistischen Länder des östlichen Europas beispielsweise auf den allmählichen Bedeutungsverlust der Vertriebenenorganisationen? Welche Rolle spielten politische Umbrüche und veränderte politische Konstellationen?

Die Tagung und der Themenband wollen diese Fragen anhand von Länder- und Fallstudien aufgreifen und einen Beitrag zur Beobachtung und Wahrnehmung der bundesdeutschen Vertriebenenmilieus in den Staaten des östlichen Europas leisten.

Kontakt: Dr. Stefan Lehr


Abbildung: Bericht der tschechoslowakischen Botschaft in Bonn an das Außenministerium der Tschechoslowakei über die Sudentendeutsche Landsmannschaft v. 17.12.1974. Národní Archiv České republiky, Praha, f. Gustáv Husák, k. 410.

Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa
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