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Bericht über die 8. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker

26.-30.09.2001

Die diesjährige Tagung des Arbeitskreises fand auf Schloß Krokow (Krokowa) statt, dem ehemaligen Sitz der Familie von Krokow, deren bekanntester Vertreter der kürzlich verstorbene Historiker und Publizist Christian Graf von Krokow ist. In den neunziger Jahren wurde das stark beschädigte Schloß aus Mitteln der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit wiederhergestellt, wobei die ursprüngliche Raumaufteilung nur zum Teil gewahrt blieb und auch Architekturdetails verloren gingen. Das Schloß dient nun als Tagungszentrum ("Stiftung Europäische Begegnungen) und Hotelbetrieb; auch in einem der ehemaligen Wirtschaftsgebäude wurden Gästezimmer eingerichtet. Ein kleines Museum erinnert an die Geschichte des Gutes.

Die Organisation der Tagung übernahmen diesmal das Deutsches Kulturforum östliches Europa (DKF) in Potstdam und das Zentrum für den Schutz der Kulturlandschaften/Ośrodek Ochrony zabytkowego Krajobrazu in Warschau. Schwerpunktthema der Konferenz war - entsprechend dem Tagungsort in der Küstenregion nahe Danzig - die "Kulturlandschaft der südlichen Ostsee". Es nahmen über 70 Kunsthistoriker und Denkmalpfleger teil, darunter eine große Zahl von Nachwuchswissenschaftlern aus Deutschland und Polen.

Zur Einführung in das Tagungsthema skizzierte Jörg Hackmann (Universität Greifswald) "Geschehensgeschichte und Verstehensgeschichte" des Ostseeraums: die im Laufe der Jahrhunderte vielfach wechselnden politischen Zugehörigkeiten der Einzelregionen, die sich wandelnde geographischen Benennungen und die Geschichtsrezeption vor allem aus der national(istisch)en Perspektive des 19. und 20. Jahrhunderts.

Die ersten beiden Sektionen waren dem Baustoff gewidmet, der das Gesicht der Region über Jahrhunderte prägte: der Backsteinarchitektur des Mittelalters und ihrem "Revival" im 19. und 20. Jahrhundert. Besonders anregend war hier der Beitrag von Ernst Badstübner (Berlin), der die "Bildhaftigkeit der spätgotischen Backsteinarchitektur" augenfällig machte. Am Beispiel der Stralsunder Marienkirche etwa verwies er auf die visuelle Kraft des von vier Flankentürmen gerahmten, massiven Vierungsturms, eine Anspielung auf die Wehrarchitektur, welche den Sakralbau in der Stadtsilhouette als Abbild einer Kirchen-Burg wirken läßt. Hervorgehoben seien auch die Bemerkungen von Stefan Muthesius (Universität Norwich) zum "Backsteinverständnis der Neugotik", das er ausgehend von der glatten Faktur - im Gegensatz zur lebhaften Oberflächenstruktur mittelalterlicher Bauten - charakterisierte. Rafa³ Maka³a (Universität Stettin/Szczecin) erörterte am Beispiel Stettin die Übernahme mittelalterlicher, "nordischer" Motive in der Backsteinarchitektur um 1900, die der historischen Kontinuität der Stadt Ausdruck geben und regionale Identität erzeugen sollte. Dabei griff man allerdings kaum auf vorhandene örtliche Vorbilder zurück; vielmehr handelte es sich um Typen, die mittelalterliche Backsteingotik repräsentieren sollten.

In der kurzen Sektion "Herrensitze" stellte Hellmut Lorenz (Universität Wien) die aus einem studentischen Forschungsprojekt hervorgegangene kommentierte Neuausgabe der Bände Brandenburg und Niederlausitz aus dem 1857 - 1883 entstandenen Ansichtenwerk "Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preußischen Monarchie" von Alexander Duncker vor. Lorenz regte an, Dunckers Ansichten der Herrenhäuser in Pommern, Ost- und Westpreußen sowie in Schlesien in ähnlicher Form in einem deutsch-polnischen Kooperationsprojekt zu bearbeiten. Tomasz Torbus (GWZO Leipzig) berichtete aus seinen Forschungen über das jagiellonische Königsschloß auf dem Wawel in Krakau, einem der wichtigsten Frührenaissance-Bauten nördlich der Alpen. Der Referent verwies besonders auf die gleichzeitige Verwendung von spätgotischen Motiven und aus Italien importierten Renaissanceformen und interpretierte dies als bewußt gewählte Symbiose.

In der Sektion "Künstlerwanderungen und künstlerischer Austausch" verfolgte Aleksandra Lipiñska (Universität Breslau/Wroc³aw) die Importe niederländischer Alabasterplastik in den südlichen Ostseeraum, Kevin E. Kandt (Danzig/Gdañsk) berichtete von seinen Quellenfunden zu Künstlern des Schlüter-Kreises im Danziger Staatsarchiv, Eva Mazur-Kêblowska (Universität Tübingen) untersuchte die ikonographischen Vorbilder für Hans Memlings "Jüngstes Gericht" in der Danziger Marienkirche.

Unter dem Sektionstitel "Zerstörung der Kulturlandschaft in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts" sprach Kazimierz Pospieszny (Schloßmuseum Marienburg/Malbork) über die Probleme des Wiederaufbaus der Marienburg sowie der Stadt Marienburg nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Jacek Friedrich (Gdynia) griff die von S. Muthesius aufgeworfene Frage nach der Bedeutung der Oberflächenstruktur für die Wirkung von Architektur auf und untersuchte sie im städtebaulichen Kontext des wiederaufgebauten Danzig. Er verwies auf die Bedeutung von Details wie Straßenpflasterung oder innerstädtischem Grün, deren Veränderung den Gesamteindruck massiv beeinflussen. Jan Przyzkowki (Institut für Kunstgeschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften/IS PAN Warschau/Warszawa) berichtete über die Erschließung der Bildbestände des ehemaligen Provinzialkonservators von Ostpreußen, die nach 1945 nach Allenstein (Olsztyn) und ans Institut für Kunstgeschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften gelangten. Das Projekt, das von der Zeit-Stiftung finanziert wird, wurde bereits auf der letztjährigen Tagung in Oldenburg kurz vorgestellt.

Erschließung und virtuelle Zusammenführung von Bildbeständen war auch Thema des Berichts, den Dietmar Popp (Herder-Instituts in Marburg) im Rahmen der Informationsbörse über die Zukunftspläne des Bildarchivs im Herder-Institut gab. Die Info-Börse bot in bewährter Form einen Überblick über laufende Forschungsprojekte. Unter der großen Zahl interessanter Darstellungen sei hier das Projekt "Studien zur Backstein-Architektur", vorgestellt von Dirk Schumann (Berlin), hervorgehoben, in dessen Rahmen u.a. das Thermoluminiszenzverfahren zur Altersbestimmung von Backstein mit einer Datierungsgenauigkeit auf 5-7 Jahre angewandt wird. Eindrucksvoll war auch der Forschungsbericht von Sandra Göbel (Universität Bamberg) über "Kunstschutzmaßnahmen in Danzig zur Zeit des Zweiten Weltkriegs". Die Referentin legte dar, daß Danzig nach den Zerstörungen in Köln, Lübeck und Rostock als "alte deutsche Stadt" eine besondere Rolle zugewiesen bekam und daher detaillierte Maßnahmen zum Schutz der Kunstdenkmäler (Verlagerung der Ausstattungsstücke; Sicherung der Bauten durch Stützkonstruktionen, die dem Bombenhagel allerdings nicht standhielten) ergriffen wurden. Auch die genauen Aufmaßzeichnungen von Danziger Baudenkmälern des Architekten Jakob Deurer, die dessen Sohn vor einigen Jahren dem Danziger Staatsarchiv übergab (die Originale wurden im Krieg zerstört), entstanden in diesem Kontext.

Die Tagungsexkursionen führten in das nahegelegene ehemalige Zisterzienserinnenkloster Zarnowitz/¯arnowiec und auf die Marienburg. Hier bot vor allem die seit diesem Jahr für das Publikum geöffnete Schloßkapelle im Hochschloß, die seit dem Zweiten Weltkrieg gesichert (die Wände wurden geschlossen und eine Betondecke als Abschluß eingezogen), aber nicht rekonstruiert ist, Anlaß zu lebhaften Diskussionen über die Frage: Rekonstruktion als Abschluß der Wiederherstellung der Burg - oder Belassung des heutigen Zustands, um die historischen Vorgänge ablesbar zu machen? In dieser Frage sind auch die Schloßverwaltung und die verantwortlichen Denkmalpfleger gespalten, die Entscheidung ist noch offen.

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