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1904-1991

Würdigung und Bibliographie

Erstellt von Michael Garleff

 

Vorbemerkung

"Wer mit Bescheidenheit, mit Verwunderung, mit Trauer an die Vergangenheit herantritt, wird auch dem Geheimnis der Freiheit und Zukunft den rechten Respekt erweisen und wird dem Leser nicht die Hoffnung verbieten" - mit diesem von Golo Mann übernommenen Motto leitete Georg von Rauch seine "Geschichte der baltischen Staaten" zu einem Zeitpunkt ein, als die Hoffnung auf eine freiheitliche Zukunft der baltischen Länder außerhalb ihrer Grenzen nicht eben von vielen geteilt wurde. Dieses Motto besitzt Gültigkeit für das wissenschaftliche Gesamtwerk Georg von Rauchs, der am 17. Oktober 1991 im hohen Alter von 87 Jahren von uns gegangen ist. Seine Jahrzehnte umfassende Tätigkeit in akademischer Lehre und Forschung war ebenso bestimmt von tiefer historischer Gelehrsamkeit wie von klarer Gegenwartsanalyse. Dabei hatten sich drei Themenbereiche herausgebildet:

  1. Ausgehend von der baltischen Geschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit behandelte er von der ersten Veröffentlichung an die geographisch-historische Besonderheit des baltischen Raumes, eingebettet in die Vielfalt eines sich wandelnden Spannungsfeldes von Großmachtinteressen. Früh bereits klingt sein großes Thema an: die kulturellen und politischen Wechselbeziehungen der Völker Mittel-, Ost- und Nordeuropas.
  2. Von diesen Wechselbeziehungen wandte er sich über das Leitthema "Rußland und Europa im Zwiegespräch" schließlich der Konfrontation unitarischer und föderativer Kräfte im autokratischen Rußland zu sowie der Auseinandersetzung reformerischer mit beharrenden Kräften; das führte unmittelbar zur Frage nach der historischen Zwangsläufigkeit der Oktoberrevolution.
  3. Die Beschäftigung mit der sowjetischen Historiographie und mit der Geschichte Sowjetrußlands mündete in die Darstellung "Geschichte der Sowjetunion", erstmals 1955 unter dem Titel "Geschichte des bolschewistischen Rußland"; inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt und zuletzt in 8. Auflage 1990 von einem Schüler fortgesetzt.


Nur wenige Historiker konnten sich in einer Zeit zunehmender Spezialisierung so kompetent über Probleme unterschiedlicher Regionen äußern wie Georg von Rauch, und längst nicht alle verstanden es, aufgrund engster Verbindung von Forschung und Lehre wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso fundiert wie anregend zu vermitteln. Seine Vorlesungen, Vorträge und Diskussionsbeiträge sind vielen noch in Erinnerung durch die überzeugende Gedankenführung, die sprachliche Klarheit und nicht zuletzt die aufmerksame Zuwendung jedem Gesprächsteilnehmer gegenüber. Es kennzeichnet Georg von Rauchs Rolle als Vermittler zwischen den Sprachen und Kulturen, daß die erste wissenschaftliche Arbeit des 20jährigen Studenten in estnischer Sprache erschien. Bereits in den Studien des jungen Wissenschaftlers bildeten sich die Leitthemen der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Wechselbeziehungen heraus. Nach einer jahrzehntelangen Publikationstätigkeit mit schließlich insgesamt 250 Titeln konnte er noch die Übertragung seiner ebenfalls zum Standardwerk gewordenen "Geschichte der baltischen Staaten" (3. Aufl. 1990) ins Estnische verfolgen. Im hinterlassenen letzten Manuskript geht es um das Wirken eines Holsteiners in Dorpat zwischen Esten und Deutschen.

Im Unterschied zu manchen seiner Landsleute erlebte Georg von Rauch vom Beginn seines Lebens an stärker das Grenzübergreifende. Geboren am Vorabend der ersten russischen Revolution am 13. August 1904 in Pleskau/Pskov, verlebte der Sohn eines Arztes die frühe Kindheit in einem Kolonistendorf in der Ukraine, bevor ihm das livländische Gut Sagnitz zum eigentlichen Elternhaus wurde. Nach dem Abitur am deutschen Gymnasium in Dorpat 1922 studierte er hier sowie in Tübingen und Breslau Geschichte und Philosophie, um 1927 wieder in Dorpat mit der Arbeit über "Reval zur dänischen Zeit und die Hanse" zum Mag. phil. zu promovieren. Einer Lehrtätigkeit am Pädagogium der Herrnhuter in Niesky/Oberlausitz folgten Unterricht am Dorpater Deutschen Klassischen Gymnasium, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Heimatforschung sowie ab 1936 als Dozent für osteuropäische Geschichte und Kirchengeschichte am Theologisch-Philosophischen Luther-Institut in Dorpat. Archivforschungen dort sowie in Finnland, Schweden und Deutschland ermöglichten die Fertigstellung der Schrift über "Die Universität Dorpat und das Eindringen der frühen Aufklärung in Livland 1690-1710", mit der er sich nach der inzwischen erfolgten Umsiedlung im Jahre 1941 in Greifswald habilitierte. Der Lehrtätigkeit an der Universität Marburg folgte die Berufung nach Kiel, wo er seit 1958 das neubegründete Seminar für osteuropäische Geschichte aufbaute und wo er schließlich im Jahre 1972 emeritiert wurde.

Georg von Rauch war Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Organisationen, von denen hier stellvertretend betont seien nur jene des Herder-Forschungsrats sowie die Ehrenmitgliedschaft der Baltischen Historischen Kommission, nachdem er mehrere Jahre deren Vorsitzender gewesen war. Er erfuhr die in seiner Generation für verdiente Wissenschaftler üblichen Ehrungen durch Festschriften in allen denkbaren Variationen: Zum 65. Geburtstag veröffentlichten Mitarbeiter seine durch die Kriegswirren kaum noch zugängliche Habilitationsschrift aus dem Jahre 1943 in einem Neudruck; dem folgte zum 70. Geburtstag eine Festschrift 'klassischen' Zuschnitts mit 21 Beiträgen unter dem Titel "Rußland und Deutschland", wobei der baltische Raum eine wesentliche Rolle spielte. Fünf Jahre darauf ergänzten Kieler Schüler die Aufsatzsammlung "Studien über das Verhältnis Rußlands zu Europa" von 1964, indem sie 19 weitere Aufsätze des Jubilars in dem Band "Zarenreich und Sowjetstaat im Spiegel der Geschichte" veröffentlichten. Ein Teil seiner wichtigsten Arbeiten zur baltischen Geschichte wurde von Georg von Rauch selbst in den beiden Sammelbänden "Aus der baltischen Geschichte" (1980) und "Der Rigaer Prophetenclub und andere Aufsätze zur baltischen und russischen Geschichte" (1988) zusammengefaßt. Es war in erster Linie seiner Initiative und geduldigen mehrjährigen Betreuung zu verdanken, daß das Gemeinschaftsprojekt der Baltischen Historischen Kommission, der inzwischen allgemein anerkannte Sammelband über die "Geschichte der deutschbaltischen Geschichtsschreibung", im Jahre 1986 zu einem erfolgreichen Abschluß geführt werden konnte. Als Herausgeber hat er darin selbst den Abschnitt über die deutschbaltische Geschichtsschreibung nach 1945 verfaßt.

Im Jahre 1961 hatte Georg von Rauch in einem Vortrag ausgeführt, vom Erbe des Deutschen Ordens sollte nicht zuletzt der beharrliche Wille zur Konzentration auf die geschichtliche Stunde lebendig bleiben, die einmal einen Neubeginn freiheitlichen Lebens im Baltikum ermögliche. Diesen Neubeginn in den 80er Jahren begleitete er mit besonderer Anteilnahme, und sein Kronshagener Heim wurde zu einer Anlaufstelle und Brücke im beginnenden Dialog zwischen Deutschland und dem Baltikum. Nach der Wiedererringung der Freiheit im August 1991 kreisten die Gespräche bis in seine letzten Tage hinein voller Freude, aber auch Sorge um die aktuellen Nöte der ihm so nahestehenden Menschen in den baltischen Staaten.

Dabei wurden Gesprächspartner an eine frühe Warnung Georg von Rauchs vor jener unglücklichen "Kompromißlosigkeit des nationalstaatlichen Prinzips" der Zwischenkriegszeit erinnert. Schon 1970 sah er den baltischen Völkern dagegen eine ähnliche Funktion zuwachsen, wie sie die baltischen Deutschen im Zarenreich ausgeübt hatten: als "ein Stück Westeuropa" eine "zivilisatorische Schrittmacherfunktion" wahrzunehmen, die sich auf die zwischenmenschlichen Beziehungen als Humanisierungseffekt auswirken könne. Bereits in den 50er Jahren hatte er einen Literaturbericht mit der für sein Schaffen leitmotivischen Überschrift versehen: "Rußland und Europa im Zwiegespräch". Dieses schloß breiteste Fragestellungen an die Geschichte ein, nicht zuletzt jene nach den Bildern und Vorstellungen, die sich Völker voneinander machen und die ihre gegenseitigen Einstellungen bestimmen. In der Aufdeckung der Zeitgebundenheit von Konflikten und Vorurteilen hoffte er als Historiker das Mißverstehen und die Irrtümer bekämpfen zu können - immer auf der Suche nach einer friedlichen Lösung für die Zukunft. Denn "Geschichte ist nicht nur Kunde von Vergangenem, sondern auch Gegenwärtigkeit des Gewesenen" - so hatte er in einer Rede formuliert, um fortzufahren: "Ohne Geschichtsbewußtsein gibt es auch keine Perspektiven für die Zukunft". Dabei folge aus dem Leitbild der Autonomie als dem zentralen Prinzip deutschbaltischen Wirkens ein besonderes Verständnis für das Schicksal von Gruppen aus anderen Ländern oder Kulturen.

Herkunft und Lebensweg ließen Georg von Rauch zum Vermittler zwischen den Völkern Ostmitteleuropas werden. In Wort und Schrift gelang es dem Forscher und Lehrer wie nur wenigen anderen, viele Jahrzehnte lang auch über den akademischen Bereich hinaus anzuregen und schöpferisch zu wirken. Toleranz und menschliche Wärme, verbunden mit kritischer Aufgeschlossenheit, bestimmten die Begegnungen mit diesem Gelehrten, dessen Vorbild lange nachwirken wird.

 

Abkürzungen


Abb. = Abbildung(en)
Aufl. = Auflage
balt. = baltisch
Bd. = Band
ebd. = ebenda
f. = folgende
FS = Festschrift
GWU = Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
H. = Heft
Hdb. = Handbuch
Hg./hg. = Herausgeber/herausgegeben
HZ = Historische Zeitschrift
JbGOE = Jahrbücher für Geschichte Osteuropas
KK = Kulturpolitische Korrespondenz
Nr./No. = Nummer
S. = Seite
v. = von
v. d. H. = vor der Höhe
ZfO = Zeitschrift für Ostforschung

 

Herausgebertätigkeit

JbGOE 9 (1961) - 39 (1991)

 

Biographische Nachweise

  • v. Rauch, Georg. In: Album Normannorum St. Petersburg-Dorpat. München 1968, S. 63.
  • Georg von Rauch zur Vollendung des 60. Lebensjahres. In: JbGOE 12 (1964), S. 477-479 (G. Stadtmüller).
  • Georg von Rauch siebzig Jahre. In: Rußland und Deutschland, hrsg. von Uwe Liszkowski (Kieler Historische Studien 22). Stuttgart 1974, S. 7-14 (K. G. Hausmann).
  • Georg von Rauch siebzig Jahre. In: JbGOE 22 (1974), S. 312-314 (K. G. Hausmann).
  • Balt. Briefe 27 (1974), Nr. 7/8, S. 15 (M. Garleff)
  • Ostdeutsche Gedenktage 1979 (1978), S. 80-81.
  • Georg von Rauch zum 75. Geburtstag. In: JbGOE 27 (1979), S. 319-320 (U. Liszkowski).
  • Vorwort zu Georg von Rauch: Zarenreich und Sowjetstaat im Spiegel der Geschichte. Aufsätze und Vorträge. Zum 75. Geburtstag hg. von M. Garleff und U. Liszkowski. Göttingen u. a. 1980, S. XI-XII.
  • Georg von Rauch als Forscher und Lehrer. In: ZfO 33 (1984), S. 481-490 (M. Garleff).
  • Georg von Rauch zum 80. Geburtstag. In: JbGOE 32 (1984), S. 161-162 (E. Amburger).
  • Mitteilungen aus baltischem Leben 30 (1984), Nr. 4, S. 18-19 (M. Garleff).
  • Vier Jahrzehnte baltische Geschichtsforschung. Hrsg. von P. Kaegbein und W. Lenz. Göttingen 1987 (unveränd. 2. Aufl. Köln 1992), S. 121-123.
  • Õnnesoovid juubilaridele vanalt kodumaalt [Glückwünsche für die Jubilare aus der alten Heimat]. Georg von Rauch 85. Roland Seeberg-Elverfeldt 80. In: Kodumaa vom 23. 8. 1989 (J. Kivimäe).
  • Georg von Rauch zum 85. Geburtstag. In: JbGOE 37 (1989), S. 478-480 (M. Garleff).
  • Ein Mittler zwischen Esten und Deutschen: Georg von Rauch wird 85 Jahre. In: Baltica-Sonderheft Juli 1989, S. 22-27 (M. Garleff).

 

Nachrufe

  • Kieler Nachrichten vom 22. 10. 1991.
  • Oberhessische Presse vom 25. 10. 1991.
  • Kodumaa vom 30. 10. 1991 (J. Kivimäe).
  • Georg von Rauchs Werk war mit Osteuropa eng verbunden. In: Kieler Nachrichten vom 29. 10. 1991 (P. Nitsche).
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. 11. 1991.
  • Sirp (Tallinn) vom 8. 11. 1991 (R. Helme).
  • Marburger Universitätszeitung vom 14. 11. 1991.
  • Eesti Päewaleht (Stockholm) vom 6. 12. 1991.
  • Balt. Briefe 44 (1991), Nr. 11, S. 4 (G. von Pistohlkors).
  • Baltica 1991, H. 4, S. 34-35 (G. von Pistohlkors, M. Garleff).
  • ZfO 41 (1992), S. 258-260 (G. von Pistohlkors).
  • JbGOE 40 (1992), S. 312-318 (K.G. Hausmann).
  • "Verlust an Geschichte ist Verlust an Menschlichkeit". Zum Tode des Historikers Georg von Rauch. In: Jb. des balt. Deutschtums 40:1993 (1992), S. 9-14 (M. Garleff).
  • Der tiefe Raum Ostmitteleuropas. Vom Aussterben einer Forschergeneration: Georg von Rauch. In: KK Nr. 849 vom 5. 12. 1992, S. 5-8 (M. Garleff)

 

Hier können Sie die gesamte Bibliographie anschauen und ausdrucken.
Erschienen in: Berichte und Forschungen 1 (1993), S. 123-145.

 

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