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Ethnologische Nahrungsforschung im östlichen Europa

Esskultur und kulturelle Identität

Gemeinsame Tagung des BKGE und der Fachkommission Volkskunde des HFR vom 30. März - 1. April 2008 im BKGE in Oldenburg


Auf der Tagung im Bundesinstitut in Oldenburg, die gemeinsam mit der Fachkommission Volkskunde des J.G. Herder-Forschungsrats veranstaltet wird, werden Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen die Esskultur der Deutschen und ihrer Nachbarn in und aus dem östlichen Europa unter verschiedenen Aspekten analysieren und beschreiben. Übergreifende Aspekte sind dabei Fragen des kulturellen Wandels und der Transformation, der Regionalisierung und Ethnisierung sowie der Interkulturalität und der Erinnerungskultur.

Die geplante internationale und interdisziplinär ausgerichtete Tagung widmet sich dem "sozialen Totalphänomen" (M. Mauss) der Ernährung - eines integralen Bestandteils eben jener Alltagskultur -, in dem sich physiologische Notwendigkeit und kulturelle Formung durch den Menschen vereinen.

Seit Riehl (1857) ist der konservative Charakter der Ernährung in der Volkskunde immer wieder betont worden. Auch U. Tolksdorf wies mehrfach auf die starke Verankerung des "kulturellen Systems der Küche […] im emotionalen, personalen und physiologischen Bereich" hin, was dazu geführt habe, dass sich nach Heimatverlust  bzw. freiwilliger oder Zwangsmigration besonders Ess- und Trinkgewohnheiten zunächst als beständig erwiesen hätten. Verbunden war mit dem Festhalten an bzw. dem Wiederbeleben regionaler Speisen auch ihre Verlagerung in den westdeutschen Raum, die ebenfalls zum Gegenstand der volkskundlich-ethnologischen Forschung wurde.
Da Nahrung immer auch der sozialen Verortung dient, Essen stets auch symbolischer Konsum ist, eignet sie sich besonders als Heimatsymbol. Die Küche der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler hat insofern einen Trend angeführt, dem später andere regionale Küchen folgten und der Gegenstand zahlreicher Untersuchungen wurde.

War in den Ländern des östlichen Europa die gesamte Alltagskultur, und damit auch die Nahrung, über Jahrzehnte hinweg massiv durch das System des Sozialismus und damit durch eine permanente Mangelwirtschaft geprägt, so brachte die Wende von 1989 gerade auch in diesem Bereich einen Wandel, der in seiner Tiefe beispiellos ist. In kürzester Zeit wurden ganze Gesellschaften einbezogen in die freie Markt- und Konsumwirtschaft und damit in die dynamischen Prozesse der Globalisierung und der "Europäisierung". Wurden in den ersten Jahren ganze Bereiche der autochthonen Nahrungsmittelproduktion vom westlichen Nahrungsangebot weitestgehend verdrängt, so zeigten sich nach einiger Zeit im ganzen östlichen Europa gerade in der Nahrung gegenläufige Prozesse der Regionalisierung und Ethnisierung, wurde Nahrung zum Mittel der nationalen, regionalen oder ethnischen Identifikation - und seit dem EU-Beitritt auch der symbolischen Absetzung von "Europa".

Zu fragen ist also, welchen Stellenwert Essen und Trinken zum einen in den Gesellschaften des östlichen Europa und zum andern bei den Flüchtlingen, Vertriebenen, Spätaussiedlern und auch bei den neuen Migranten aus dem östlichen Europa heute hat. Welchen Stellenwert im kulturellen System hat die eigene Küche? Spielen stereotype Vorstellungen über nationale und regionale Küchen im Alltag und in der Werbung eine Rolle, welche Funktion hat die Ethnisiserung der Speisen? Sind Transformationen des kulinarischen Erbes zu beobachten und welche Mechanismen der Integration bzw. Segregation sind beim Essverhalten von Migranten zu beobachten? Wie ist die Nahrung angesichts des rapiden Wandels als Zeichensystem und als Indikator für gesellschaftliche Zustände zu entschlüsseln angesichts der Tatsache, dass sie sowohl Ausdruck sozialer Verhältnisse als auch als Mittel der Identifikation und Segregation ist?

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Stand: 08.06.2008

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